INTERVIEW: Gartenbaron Robert von Süsskind

In Bayern hat Robert Freiherr von Süsskind (*1955) einen 26 Hektar großen Landschaftspark geschaffen. In seinem „Schlosspark Dennenlohe“ zieht der Parkomane mit seiner Begeisterung für Pflanzen die Besucher in seinen Bann. Für ihn ginge es immer um die Gartenkultur als Kultur. Diesen Aspekt würde er in Deutschland oft vermissen. Doch das Wichtigste ist, dass der Mensch lerne, im Garten loszulassen.

vonREISENundGAERTEN hat den „grünen Baron“ in Dennenlohe in Franken getroffen und mit ihm über seine Beziehung zum Garten gesprochen. Das Gespräch fand in seinem barocken Schloss statt, gleich neben dem privaten Schlossgarten und dem riesigen Landschaftspark.
Die Fragen lehnen sich an den berühmten „Proust’schen Fragebogen“ an, einst ein witziges und geistreiches Gesellschaftsspiel in den Pariser Salons. Der französische Schriftsteller Marcel Proust füllte ihn gleich zweimal im Leben aus.

Lesen Sie in vonREISENundGAERTEN passend adaptiert „Proust im Garten“ über Persönlichkeiten und ihre Gartenleidenschaft.

 

Baron Süsskinds privates Gartenmotto: „Sich möglichst weit weg vom Unkraut hinsetzen“

 

Freiherr Robert von Süsskind steht in seinem Landschaftspark vor einem Tempel aus Bhutan

Freiherr Robert von Süsskind in seinem Landschaftpark vor dem Tempel aus Bhutan

 

Wann ist Ihre Sehnsucht nach Gärten geweckt worden?
Das ging in der Kindheit los, als ich durch die Spargelbeete meiner Großmutter lief. Ich weiß noch, wie das filigrane Grün mein Gesicht streifte. Ein schönes Gefühl.
Und als ich einmal meine Tante Rosemarie besuchte, stellte ich fest, dass sie alle Pflanzen mit ihren lateinischen Namen kannte. Das faszinierte mich. Plötzlich war Latein interessant für mich, obwohl ich wegen Latein sogar einmal die Schule gewechselt hatte. Plötzlich interessierte es mich und ich begann, mich mit Pflanzen zu beschäftigen. (Im Hintergrund schnattern Süsskinds Gänse im Garten.)

Können Sie sich an Ihr erstes Gartenerlebnis erinnern?
…hmm… (Er denkt nach.) Auf dem Schlosshof hatten wir früher einen Abreitplatz mit Sandboden, der stets sauber gerecht wurde. Da bekam ich als Kind in einer Ecke eine kleine Fläche mit einem Zaun abgegrenzt. Wie ein Mini-Sandgarten. Dort durfte ich Kastanien pflanzen und schnell war da alles voll mit Kastanienbäumchen.

Welche Beziehung hatte Ihre Familie zu Gärten?
Eine intensive Beziehung. Die Familie meiner Mutter, die Grafen zu Pappenheim, war immer sehr gartenaffin und hatte früher auch eine kleine Gärtnerei. Schloss Dennenlohe besaß bis nach dem Krieg einen Gemüsegarten à la Villandry (Das französische Schloss Villandry an der Loire ist berühmt für seinen Küchengarten.), den meine Großmutter noch intensiv pflegte und bewirtschaftete. Der Privatgarten war also damals nicht nur zur Kontemplation dar.

Robert von Süsskind ist auf Schloss Dennenlohe aufgewachsen. Der Privatgarten wird manchmal für Konzerte genutzt.

Die Gartenaffinen in Ihrer Familie waren also eher die Frauen?
Ja! (Er lacht.) 

Hatten Sie einen „Garten der Kindheit“?
Das war unser Garten rund ums Schloss. Wo heute der „persische Garten“ ist, war früher ein kleiner Weiher und da spielte ich schon als Kind mit Molchen und Käfern. Der heutige Privatgarten von Dennenlohe ist mir also schon seit meiner Kindheit vertraut, auch wenn inzwischen alles ganz anders aussieht.

In welchem Garten möchten Sie heute leben?
In meinem eigenen Garten, der eher schon ein Park ist. Ich bin sehr viel herumgereist und habe viele Gärten in anderen Ländern besucht. Aber letztendlich ist der eigene Garten derjenige, der am meisten begeistert. Auch wenn das Klima bei uns etwas anders sein könnte – das Klima von Cornwall würde mir gefallen – dann könnte ich noch viel mehr interessante Bäume und Stauden pflanzen, die mir den Winter hier in Franken nicht überstehen…

Wie sieht Ihr idealer Garten aus?
Ein Garten, in dem die Pflanzen gut gedeihen und wenig von Hitze und Frost geschädigt werden. Ein Bachlauf oder See wäre ebenfalls wichtig!

Welcher Garten würde Sie völlig glücklich machen?
Schluchtgärten gefallen mir, besonders die in Cornwall. Glendurgan und Trebah – mit immergrünen Eichen und Gunnera, die drei Meter hoch sind, gigantisch. Da kann man unter den Blättern durchgehen. Und durch die unterschiedlichen Böschungen und Höhen entsteht eine interessante Lebendigkeit!

Welchen Charakter hat Ihr Garten?
Mit den Jahreszeiten wechselt der Garten seinen Charakter. Wenn 16.000 Narzissen im Frühling blühen, wirkt er natürlich anders als im Mai, der Hauptblütezeit der Rhododendren und Azaleen oder im August zur Lotusblütenzeit.
Doch ein Garten muss nicht dauernd blühen. Die Blüten lenken oft ab. Wenn nichts blüht, ist der Garten kontemplativer und man erkennt seine Kreativität besser. Eine Gartenstruktur mit Sichtachsen und modellierten Hügeln ist im Herbst und Winter besser zu erkennen als im Sommer.

In welchem Garten fühlen Sie sich unwohl?
In einem Garten, der zu statisch ist, der zu zementiert ist oder der zu viele Hecken hat. Für mich geht es immer um die Gartenkultur als Kultur. Dieser Aspekt geht in Deutschland leider verloren. Wichtig ist: Die Menschen lernen im Garten loszulassen.

Welche Gärten verabscheuen Sie?
Gärten mit zu viel Beton und zu moderne Gärten, in denen Pflanzen nur noch als „Begleitgrün“ existieren und dafür Treppen, Mauern oder Bauwerke dominieren. Ich versuche, feste Bauten, die man nicht oder nur schwer wieder entfernen kann, zu vermeiden. Vielleicht wollen meine Nachfahren ja aus dem Park mal einen barocken Garten machen… (Er lacht.)
Dagegen liebe ich die wilden Gärten mit üppigen Staudenbeeten, wie Great Dixter in England. Aber der Hipe um Sissinghurst ist mir dagegen zu groß, diesen Garten finde ich überbewertet.

Was wäre das größte Unglück für Ihren Garten?
Zu harter Frost und zu lange Trockenheit.

Welcher Garten bedeutet für Sie das vollkommene irdische Glück?
Ein Garten, der in die Natur hinausgeht und sie miteinbezieht. Wie in England bei den Gärten mit einem AHA-Graben, wo der Blick in die Unendlichkeit geht. Mein Traum wäre auch eine große Zeder, aber die wächst hier leider nicht.

Welche Gärtner-Fehler entschuldigen Sie am ehesten?
Die Anfangsfehler. Aber aus Fehlern lernt man. Und wer keine Fehler macht, hat nie begonnen. Der schlimmste Gärtnerfehler ist das Aufgeben. Der Garten fordert einen immer wieder. Es kommt immer etwas Neues. So trauere ich keinem Baum lange nach, sondern pflanze einen neuen oder eine andere Pflanze, die besser für den Standort geeignet ist.

Wer sind Ihre liebsten Gartenhelden oder -heldinnen?
Fürst Pückler ist mein Held, was die Sichtachsen angeht. Und er schaffte es, riesige Bäume zu verpflanzen. Und Penelope Hobhouse … (Die englische Gartengestalterin hat auch den Garten der deutschen Modedesignerin Jil Sander in Schleswig-Holstein entworfen.), weil sie besonders schöne und langanhaltende Staudenbeete gestaltet.

Welche Eigenschaften schätzen Sie bei einem gärtnernden Mann am meisten?
Das, was mir leider etwas fehlt: die Systematik.

Welche Eigenschaften schätzen Sie bei einer gärtnernden Frau am meisten?
Gibt es einen Unterschied zwischen gärtnernden Männern und Frauen? Ich meine: nein.

Was ist Ihre Lieblingsbeschäftigung im Garten?
(Er lacht.) Rasenmähen, würde meine Frau sagen. Da kommen mir immer gute Ideen. Aber das ist auch anstrengend. Zwar habe ich einen Aufsitzrasenmäher für die riesigen Flächen, aber das Schnittgut in dem vollen, schweren Fangkorb muss händisch verteilt werden. Und dann würde meine Frau noch sagen: Löcher buddeln für neue Pflanzen, womit sie nicht Unrecht hat…

Robert von Süsskind auf dem Rasenmäher

Der Hausherrn liebt das Rasenmähen…

 

Was ist Ihre Lieblingsfarbe im Garten?
Blau.

Wer ist Ihr Lieblingsgarten?
Mein eigener natürlich! Hidcote Manor in England ist aber auch genial. Jede Epoche hat ihre eigenen interessanten Gärten hervorgebracht.

Wer ist Ihre Lieblingsgestalt in der Geschichte großer Gartenliebhaber?
Die Pflanzenjäger der Vergangenheit begeistern mich – ihre unglaubliche Ausdauer, mit geringsten Mitteln ganze Kontinente zu durchstreifen, um unbekannte, neue, seltene Pflanzen zu finden, zu sammeln, zu kategorisieren und nach Europa zu bringen.

Welche Musik hören Sie im Geiste, wenn Sie in einem schönen Garten flanieren?
Mozart und Beethoven. Oder Wagner. Vielleicht installiere ich in der „Schlossarena“, (ein Amphitheater aus Rasen in Süsskinds Landschaftspark), einmal eine Lautsprecherbox, sodass die Besucher in einer Ecke Wagner hören könnten.

Was ist Ihr Lieblingsgartenbuch?
Von Penelope Hobhouse „Farben im Garten“. Und von Richard Hansen „Die Stauden und ihre Lebensbereiche“. Hansen erklärt sehr gut, wo die einzelnen Stauden in einer Beetstruktur ihren besten Platz haben. Das hat mich zum Beispiel in Monets Garten in Giverny gestört: Dort stehen neben den Rhododendron Dahlien. Die passen da optisch und historisch nicht hin.

Was ist Ihr Lieblingsgartengemälde?
Da denke ich an Bilder von Van Gogh und Brueghel.

Glauben Sie, der „grüne Daumen“ ist eine natürliche Gabe?
Ja, unbedingt. Ich maße mir aber nicht an, zu behaupten, ich hätte ihn. Ich bin nur ein Pflanzer. Ein Mensch mit einem grünen Daumen ist für mich mehr, eine Art Heiler. Manches kann man lernen, durch viel Übung. Aber anderes hat man einfach im Blut oder in den Genen.

Sie steigen in eine Zeitmaschine: In welchen Garten würden Sie reisen?
Oh! Da würde ich gerne in die Gärten des alten Persien zurückreisen wollen. Oder in die früheren Gärten der Maharadschas von Rajasthan in Indien.

Ist vollkommen irdisches Glück ohne Garten für Sie vorstellbar?
Nein!

Wo möchten Sie sterben – im Garten?
Tja… (Er kichert.) Der Gärtner stirbt ja nicht. Er beißt nur in Gras…

… und auch auf Selbstironie versteht sich der „grüne Baron“…

Und Ihr Garten-Motto? Gibt es eines?
Im Grünen genießen… (Das nimmt man dem Umtriebigen aber in der Praxis nicht recht ab.) Oder beim Sonnenuntergang am buddhistischen Tempel sitzen und über den Landschaftspark schauen und überlegen, was man wo noch verändern könnte.
Hauptsache, ich bin beim Sitzen weit genug weg vom einzelnen Unkraut, denn ansonsten würde man gleich wieder aufspringen und jäten. Das ist die Krux des Gärtners.

 

Interview: Daniela David
©vonREISENundGAERTEN

Robert von Süsskind hat in seinem Landschaftspark von Schloss Dennenlohe auch verwunschene Ecken geschaffen.

 

WAS IST NOCH GUT ZU WISSEN?

Robert Freiherr von Süsskind bewohnt Schloss Dennenlohe gemeinsam mit seiner Frau, sechs Airdale Terriern und einigen Pferden. Sabine Freifrau von Süsskind kümmert sich um Verwaltung, Marketing und PR von Schloss und Landschaftspark. Die Diplomkauffrau hat das „Bayerische Gartennetzwerk“ initiiert, das seit 2011 als „Verband Bayerischer Parks und Gärten e.V.“ die Bekanntheit touristisch interessanter Gärten steigern soll. Darüber hinaus hat sie eine Ausbildung zur Gartentherapeutin absolviert.

Freifrau Sabine von Süsskind blickt bei Abendstimmung in den Park, zu ihren Füßen drei ihrer Hunde

Wenn es ihre Zeit zulässt, genießt Freifrau Sabine von Süsskind den sommerabendlichen Ausblick im eigenen Landschaftspark.

LITERATUR-TIPP: Wer sich in weiteren Gärten Bayerns umsehen möchte, kann sich mit Hilfe dieses gebundenen Gartenbuches einen ersten Überblick über besuchenswerte Gärten und Parks verschaffen: Sabine von Süsskind, Gärten und Parks in Bayern, 2015, L&H Verlag, ISBN 978-3-939-62926-9

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WEITERE INFOS zum Landschaftspark Dennenlohe:  www.dennenlohe.de


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