FRANKREICH: Bois-Guilbert – Liebhaber der Natur

Der Skulpturengarten von Jean-Marc de Pas in der Normandie

Der zeitgenössische Bildhauer und Landschaftsgärtner Jean-Marc de Pas hat das barocke Anwesen seiner Vorfahren in einen Landschaftspark mit Skulpturen verwandelt. Es ist ein Garten voll symbolischer Räume, wo Kunst und Natur bewußt füreinander geschaffen wurden.

 

Jean-Marc de Pas neben einer seiner Kunstwerke im Garten Bois-Guilbert in der Normandie.

Der Künstler Jean-Marc de Pas hat einen Landschaftsgarten mit Kunst gestaltet.

 

Das geerbte Schloss im Jardin Bois-Guilbert
„Tja, und da hatte ich plötzlich mit 21 ein Schloss geerbt“, erzählt mir Jean- Marc de Pas, als ich ihn auf Château de Bois-Guilbert kennenlerne. „Was haben Sie dann getan?“, wollte ich von ihm wissen. „Einfach einen Garten angelegt.“

Das war 1983. So trat der Bildhauer, der damals noch an der Kunsthochschule in Paris studierte, sein Erbe an, als Jüngster einer Familie mit neun Kindern. Das Anwesen von Château de Bois-Guilbert nahe von Rouen in der Normandie wurde bereits 1620 von Jean-Marcs Vorfahren begründet. Es wartete große Verantwortung auf den jungen Mann.

 

Das Schloss Bois-Guilbert mit Garten und Kunstwerk in der Normandie

Das Schloss Bois-Guilbert in der Normandie stammt aus dem 18. Jahrhundert.

 

Ein Château aus dem 18. Jahrhundert
Das heutige Schloss stammt von 1780. Dabei ist zu beachten, dass der Begriff „Château“, also Schloss, in Frankreich recht weit gefasst wird. Auch Herrenhäuser fallen darunter. In einem Château muss nicht unbedingt ein König gelebt haben. Wie auch immer: Das Gebäude ist stattlich. Doch Jean-Marc interessierte sich von Anfang an mehr für das Grün drumherum.

„Vom 17. bis 19. Jahrhundert gab es um das Schloss einen Garten“, beschreibt Jean-Marc die Geschichte, „doch ab dem 20. Jahrhundert wurden die Flächen nur noch landwirtschaftlich genutzt. Der einstige Garten war verschwunden.“ Und als er erbte, umgab das Schloss eine Pony-Wiese. Sein Vater hatte dort einen der ersten Pony-Clubs Frankreichs gegründet.

Der Traum vom Skulpturengarten
Sofort machte der junge Normanne einen Plan. Denn er hatte einen Traum: Jean-Marc träumte von einem Skulpturengarten. Seine Berufung als Bildhauer sollte sich nun mit dem Schicksal und auch seiner Herkunft vereinigen. Und schon wenig später beginnt er, alles neu anzulegen. Gemeinsam mit seinen Geschwistern verwandelt der Künstler über die Jahre Äcker in einen großen Garten. Man könnte auch sagen, in sieben Hektar Traumland.

Jean-Marc erfand den Garten völlig neu und legte ihn um die historischen Gebäude herum an. Rund 7000 Bäume und Sträucher pflanzte er selbst gemeinsam mit Freunden. Da er früher auch eine Ausbildung als Holzrestaurator absolviert hatte, kannte er sich mit Holz und seinen unterschiedlichen Eigenschaften gut aus.

Kunstwerk unter Bäumen im Garten Bois-Guilbert in der Normandie.

Bäume spielen im Landschaftspark von Bois-Guilbert eine zentrale Rolle – neben der Kunst.

 

Ein Garten für die Zukunft
Die Weitsicht von Jean-Marc de Pas beeindruckt mich. „Ich pflanze für die Zukunft, vor allem Bäume für die Jahrhunderte“, erläutert der Franzose in einer ruhigen Weise, „denn die müssen erst wachsen, bevor sie wirken.“ Nichts Anderes haben die großen Landschaftsarchitekten André Le Nôtre oder Joseph Lenné auch getan: die wachsende und Jahrzehnte später vollendete Gesamtkomposition des Gartens wohl vorhersehend zu planen und zu pflanzen. Eine nicht nur kreative, sondern auch planerische Leistung.

Sein „Kreis aus Sequoias“ ist schon reichlich gewachsen. Die Bäume dieser nordamerikanischen Art umschließen eine Wiese mit einigen Kunstwerken. „Diese Bäume waren die ersten, die ich einsetzte“, erinnert er sich. „Wir profitieren dafür heute vom 17. Jahrhundert, als etwa unsere uralte Kastanie gepflanzt wurde.“ Manchmal gesellt der Pflanz-Künstler bewusst junge Bäume zu den ganz alten.

Kunstewerke vor einer Hecke im Garten Bois-Guilbert in der Normandie.

Die weiblichen Figuren symbolisieren die Jahreszeiten und stehen vor einer aufwändig geschnittenen Hecke.

 

Der Liebhaber der Natur
„Ich bin ein „amoureux de la nature“, ein Naturliebhaber“, gesteht der Künstler. Unser Gang durch seinen Garten belegt das. Mit Hingabe sind die Pflanzen für die Kunst gesetzt oder vielleicht doch umgekehrt?

Da ist zum Beispiel diese vielleicht an einen Menschen erinnernde Figur, kugelig hockend. Jean-Marc hat um sie herum einen Ring aus Eiben gepflanzt, der mit den Jahren über der Skulptur langsam wie ein Dach zusammenwächst. Sonne kommt auf die Figur nur noch durch das runde Loch in der grünen Decke. Eine Art Lichtung entstand. Dort wartet der Mensch einsam wie ein Samenkorn, auf dass sich alles entwickele. Ein Ort der Hoffnung. „Ich habe eben eine poetische Vision von der Natur“, sagt Jean-Marc auf seine zurückhaltende Art.

 

Kunstwerk im Baumkreis im Garten Bois-Guilbert in der Normandie.

Die Bäume wurden kreisrund just für dieses Kunstwerk gepflanzt mit einer Öffnung nach oben zum Himmel.

 

Liebespaare in Park
Und dann begegnen wir den Liebespaaren im Park – alle aus Bronze. Eines liegt in einer endlosen Wiese, wie in einem Beet, als wolle es sich mit dem Gras vereinigen. Ein anderes hockt hintereinander umschlungen am Boden und schaut glücklich und verträumt hinaus aus dem Garten in die offene Landschaft, in die Ferne. Jean-Marc hat die Zartheit des Augenblicks eingefangen. Geht ihr Blick auf die weiten Felder in die Vergangenheit oder in die Zukunft?

Das wohl anrührenste Paar küsst sich in voller Bewegung einer tanzenden Umarmung. Der Augenblick der Liebe in Bronze gegossen. Jean-Marc mag Paare. Ganz sicher ist er ein Mensch, der an die Liebe glaubt. Ein „amoureux de l’amour“, möchte ich meinen.

Wohl durchdacht ist der Garten durch Hecken, Wege, Alleen und Zirkel in Räume aufgeteilt, die poetische und symbolische Namen tragen, die wie verschlüsselte Botschaften klingen: „Kreuzgang der vier Jahreszeiten“, „Labyrinth, Garten des Kosmos“ oder „Insel im Meer“. Das ist ein Teich mit einer hohen Hügelinsel. Ganz oben steht eine Frauenfigur, strahlend, aufbruchsfreudig, als wolle sie die Welt umarmen.

In einem geschlossenen Heckenkarree symbolisieren vier schlanke weibliche Figuren die vier Jahreszeiten, jede in einer Ecke für sich. Ein Stück weiter verbildlichen fünf Frauen aus Bronze in historischen Kleidern die Kontinente, die von Beeten wie Tortenstücke repräsentiert werden.

 

LIebespaar aus Bronze liegt in der Wiese im Garten Bois-Guilbert in der Normandie.

Liebespaare zählen zu den Lieblingssujets von Jean-Marc de Pas.

 

Frauen, die im Garten träumen
Frauen – eine weilt am Ufer des Teiches und träumt wohlig mit geschlossenen Augen vor sich hin, eine andere schläft in Embryohaltung zwischen den Grashalmen ein und die nächste spaziert aufrecht und nackt über die Wiese.

 

Frauenfigur aus Bronze liegt im Gras im Garten Bois-Guilbert in der Normandie.

Frauen sind so schön, wenn sie schlafen…

 

Ein Landschaftsgarten voller Kunstwerke
Mehr als 70 Skulpturen haben ihren festen Platz im Garten, 30 etwa wechseln. Auch des Künstlers Atelier befindet sich auf dem Gelände. Es ist allein schon einen Besuch wert, vollgestopft mit Kunstwerken in verschiedenen Stadien, mit Figuren – das Abstrakte ist nicht seine Welt.

Den Garten von Bois-Guilbert empfinde ich als lebendes Werk, in dem es sich herumspazieren lässt. Jean-Marc gefällt es, wenn sich die Besucher im Park wohlfühlen. „Die Menschen werden Teil meines Gesamtkunstwerkes. Sie machen Fotos, erleben gute Emotionen“, sagt er, „sie haben Frieden hier.“ Harmonie ist für Jean-Marc sehr wichtig. „Ich suche die Harmonie von Kunst, Natur und Kosmos.“

Die Skulptur eines Liebespaares im Garten Bois-Guilbert in der Normandie.

Jean-Marc de Pas ist ein Romantiker, der die Harmonie anstrebt.

 

Kunst im Künstlergarten
Auf der Frontseite des Schlosses thront das Familienwappen an der Fassade. Davon scheinbar völlig unbeeindruckt, marschieren riesige Metall-Ameisen einfach so über die Wiese, zumindest tut die Ameisenkolonne der temporären Kunstinstallation von Jean-Pierre Lartisien so als ob. Ein herrlich ironischer Anblick. Auch andere Künstler nutzen den Schlosspark, um ihre Werke in eine optimale grüne Szene zu setzen.

Ironie und Witz blitzen im Garten von Bois-Guilbert immer wieder durch. So wartet auf den mutigen Besucher, der sich in den Irrgarten gewagt hat, Pinocchio. Frech sitzt er da aus Metall. Übrigens ist das mein erster Irrgarten aus Buchsbaum. „Buchsbaum habe ich gewählt, weil er sehr alt wird“, sagt Jean-Marc. „Die Buchsbaum-Krankheit ist zum Glück bei uns erst einmal durch.“ Um den runden Irrgarten herum, wächst mit großem Abstand ein Zirkel aus Birken. „Der Abstand muss sein, damit ein Sturmschaden nicht den wertvollen Irrgarten zerstört“, erklärt der Gartenkünstler seine Beweggründe. Dieser Garten ist klug überlegt.

Der Künstler, der die Bäume liebt
Jean-Marc pflanzt immer noch neue Bäume. Der Baum ist einfach seine bevorzugte Pflanze im Garten. Erst spät kamen Blumen dazu. „Doch inzwischen suche ich nach seltenen Bäumen. Ich will mehr Vielfalt!“

 

Kunstwerk auf Wiese vor Schlossgebäude im Garten Bois-Guilbert in der Normandie.

Die Kunstwerke im Garten von Bois-Guilbert stammen von Jean-Marc de Pas und befreundeten Künstlern.

 

Der Garten als Geschichte des Lebens
Und für jeden neuen Teilgarten wird lange geplant. „Ich lese mich dann ein in die Philosophie des Themas.“ Zuletzt geht es um den Garten der „Geschichte des Lebens“. Er soll die Menschheitsgeschichte beschreiben, die Evolution mit Pflanzen aus der Urzeit, wie Moose, Farne, Ginko und Sequoia.

„So entwickele ich den Garten ständig weiter“, erläutert Jean-Marc, „und der Garten entwickelt sich selbst auch weiter. Ich hoffe, später, etwa im Jahr 2040, meinen Garten dann im Zustand der vollen Reife erleben zu dürfen.“ Der Garten, ein Lebensprojekt des Jean-Marc de Pas, zweifellos.

Der Gärtner als Philosoph
Am Ende unseres Gesprächs dringt Jean-Marc in noch tiefere Schichten vor: „Der Ort gibt Weisheit. Hier bin ich der Philosophie des Lebens näher als irgendwo sonst.“ So hatte ich mir es schon den ganzen Spaziergang über gedacht: Der Garten von Bois-Guilbert ist das Werk nicht nur eines Künstlers und Landschaftsgärtners, sondern auch eines Philosophen.

 

Kunstfiguren aus weißem Draht vor grüner Hecke im Garten Bois-Guilbert in der Normandie.

Der Mensch im grünen Kosmos…

 

WAS IST NOCH GUT ZU WISSEN?

INFORMATIONEN: Jardins de Bois-Guilbert, Château, 1108 route d’ Héronchelles, F-76759 Bois-Guilbert, lejardindessculptures.com
In diesem Garten empfiehlt sich eine geführte Tour, um mehr über die Hintergründe der Entstehung zu erfahren.

LAGE: Der Garten liegt ca. 30 Kilometer nordöstlich von Rouen in der Haute-Normandie. Er ist von Mai bis November geöffnet.

TIPP-VERANSTALTUNG: Château de Bois-Guilbert bietet im Sommer ein Kulturprogramm mit Ausstellungen, Konzerten und Malen unter freiem Himmel. Im Atelier von Jean-Marc de Pas werden Kurse für Bildhauer angeboten. www.jeanmarcdepas.com

Weitere Gärten in Nähe: Am Rande von Rouen in Petit Couronne befindet sich der Garten von Pierre Corneille. Der französische Dichter des 17. Jahrhunderts war übrigens nachweislich einmal zu Besuch in Bois-Guilbert. Das Adelshaus brachte selbst viele Schriftsteller hervor. http://museepierrecorneille.fr
Auch nicht weit entfernt ist der außergewöhnliche Garten von Bois des Moutiers.

TIPP-SPEISEN: Gut essen kann man im „Le Bistrot des Barrières“ im nahegelegenen Dieppe direkt im Hafen bei lebendiger, authentischer Atmosphäre. Ich empfehle die Fischplatte. 5 Arc de la Poissonnerie, 76200 Dieppe, Telefon: +33 2 35 40 46 83

TIPP-ÜBERNACHTUNG:  Sehr geschmackvolle Gästezimmer (Chambre d’hotes) – einige historisch, einige modern eingerichtet – bietet Schloss Miromesnil aus dem 18. Jahrhundert in Tourville-sur-Arques. Château, Park und der außergewöhnliche Gemüsegarten bilden ein Ensemble, welches das Gartenfan-Herz hoch erfreut.
www.ChateauMiromesnil.com

Einige Gästezimmer, zum Teil historisch, zum Teil zeitgenössisch möbliert, bietet Isabelle Monfray in dem ehemaligen Äbtissinnensitz „Le Domaine de l’Abbaye“ in Saint-Saens nordöstlich von Rouen an. Die Französin kehrte in das Château zurück, in dem sie selbst aufgewachsen ist. Seit 2004 ist sie dabei, um das historische Gebäude einen Park anzulegen. Inzwischen hat sie eine ganze Reihe von Bäumen gepflanzt, die aber noch klein sind. Am neu angelegten Teich tummeln sich Enten, Hühner und Gänse seltener Rassen. Gartenfans können hier eine Parkanlage im Entstehen besuchen.

TIPP-LITERATUR: Heidi Howcroft, Gartenreiseführer Normandie, ISBN: 978-3-421-03796-1, Deutsche Verlags-Anstalt, 2012.  Dieser Führer ist ein praktischer Begleiter im Handtaschenformat für eine Gartenreise in der Normandie.
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WEITERE INFOS ZUM REISELAND Frankreich: de.france.fr, zur Normandie: www.normandie-urlaub.com  (auf Deutsch)

 

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