SCHWEIZ: Die Kartause von Ittingen – Der spirituelle Garten

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Rosen in der Katause von Ittingen

 

„Raubritter“ steht auf dem Namensschild der rosablühenden Rose im Barockgarten der Kartause von Ittingen im Kanton Thurgau in der Schweiz. Der martialische Name passt weder zu der zarten Blume noch zu der friedlichen Atmosphäre des ehemaligen Klosters des Kartäuserordens. Im Gegenteil, die Aura des Ortes ist so besinnlich und spirituell, dass man meinen möchte, da käme gleich ein Mönch um die Ecke.

 

 

Eingang zum Kartäuser-Mönchshäuschen

Eingang zum Kartäuser-Mönchshäuschen

 

Die schweigsamen Kartäuser
Doch seit der Klosteraufhebung 1848 sind die Patres verschwunden. Ihre Spuren haben sie aber hinterlassen. Ihre einstigen Wohnhäuschen rund um den Kreuzgang atmen noch ihr tägliches Schweigen – und ihr Gärtnern. Denn jeder Mönch des katholischen Schweigeordens verfügte direkt bei seinem Zellhaus über einen eigenen Garten zur Selbstversorgung.
„Ora et labora“ hieß es nicht nur bei den Benediktinern, sondern auch bei den Kartäusern, deren Orden im 11. Jahrhundert in Chartreuse gegründet wurde. „Bete und arbeite!“ Die Handarbeit – und so auch die Gartenarbeit – sollte zum Ausgleich zur Meditation und Buße dienen. Sie wurde wohl als eigene Form der Andacht und der Demutsübung verstanden. Gärtnern lehrt Demut – das weiß jeder, der einen Garten hat.

 

Kloster-Rosen
In diesem geschützten Klosterhof kamen die Kartäuser-Mönche einmal in der Woche zusammen, nach dem einzigen gemeinsamen Mahl in einer Woche. Für kurze Zeit verließen sie ihre Zone der Einsamkeit. Denn ansonsten waren sie allein für sich: aßen auch allein in ihrem Zellhäuschen. Die Laienbrüder mussten das Essen in ein Zwischenfach stellen, so dass die Zelle uneinsehbar blieb und der Mönch unsichtbar. Es ist ein Leben, wie wir es uns heute umgeben von omnipräsenten Massenmedien kaum vorstellen können.

Vielleicht saßen die Kartäuser dann auch im Gartenhaus, um sich zu unterhalten. Wie wirkten Pflanzen auf Menschen, die wenig sozialen Kontakt haben? Vielleicht haben die Kartäuser im Klosterhof die Vorläuferin der Kletterrose dort bewundert. Heute wächst an der Stelle die moderne Rose „New Dawn“ aus Amerika. Sie remontiert, blüht also erneut – im Gegensatz zu den historischen Rosen, die nur einmal im Jahr blühen. Doch moderne Zeiten fordern ihr Tribut. Da der Rosengarten heutzutage auch für Events vermietet wird und die zahlenden Gäste auch im Spätsommer Blüten genießen wollen, werden nun auch moderne Rosen, die erneut blühen, eingepflanzt.

Ittingen wählte Lavendel als Rosenbegleiter. Lavendel tut der Rose gut. Er duftet an vielen Stellen im Kloster. Mit dem Buchs als weiteren Begleiter der Rose tut man sich inzwischen schwer. Buchs ist eine uralte Pflanze, die schon die Römer nutzen. Ein Muss für einen Barockgarten, den man in Ittingen in einem Bereich pflegt. Doch Schädlinge machen ihm und den Gärtnern nun schwer zu schaffen.

Das Mönchsgärtlein
Die Mönche hatten kaum Kommunikation und schon gar keine am Gartenzaun zum Nachbarmönch. Konzentration und Kommunikation sollten zum Himmel gehen. Nach oben war Freiheit und Raum, keine hohen Bäume sollten den Blick nach oben stören. Wie die Gärten damals im Einzelnen bepflanzt waren, weiß man heute nicht genau. Sicherlich bauten sie Heilkräuter an. So ist der heutige Mustergarten in der Kartause wie ein Heilkräuter-Garten aus dem 9. Jahrhundert angelegt, belegt aus drei Quellen: dem Sankt Gallener Klosterplan, der Landgüterverordnung von Karl dem Großen und dem Lehrgedicht „Hortulus“ von Walahfrid Strabo. Der benediktinische Abt aus dem frühen Mittelalter gilt als Begründer des abendländischen Gartenbaus. Von den 60 Pflanzen, die heute in dem Minigarten wachsen, sind fast alle in den drei Schriften erwähnt und wurden damals als Heilkräuter verwendet. Der Gang in diesen Garten bedeutet also einen Schritt zurück auf der Zeitachse.

Schwertlilie
Da wächst zum Beispiel die Schwertlilie. Alles Grüne an ihr ist giftig. Früher wurde sie im Kloster bei schweren Verletzungen gegeben. Ihre Rizome duften nach Veilchen und werden für die Herstellung von Ölen genutzt. Einst war die Schwertlilie der Göttin Iris geweiht, der Göttin des Regenbogens und somit des Übergangs von der Erde zum Himmel. Mit der Christianisierung wandelte sich die Blume auch zum Symbol der Mutter Gottes.

Mönchspfeffer
Frauenpflanze wird er auch genannt. Wenn er blüht, entstehen pfefferartige Körner. In der Mühle gemahlen, schmeckt er ähnlich wie Pfeffer. Mönchspfeffer enthält Östrogen. Es heißt, dass der Mönchspfeffer mit dem weiblichen Geschlechtshormon die Libido der Mönche zügeln und ihnen so helfen sollte, das Keuschheitsgelübde einzuhalten. Heute wird die Pflanze in der Frauenheilkunde eingesetzt.

Schweigen, Einsamkeit und Gebet – die Maxime des Kartäuser-Ordens. Unser heutiges Leben scheint dazu geradezu entgegen gesetzt zu sein. Konnten sich die Mönche durch das einsame und schweigsame Leben besser konzentrieren? Konnten sie sich vielleicht deshalb auch mehr als andere auf nichtmenschliche Lebewesen einlassen? Die vegetarisch lebenden Kartäuser sind für ihre Pflanzen- und Tierzucht bekannt.

Üppig wächst es in der gesamten Anlage. Das Geheimnis dieser Pflanzenwelt? Kartause-Gärtner Emanuel Dähler antwortet unverblümt: „Viel Arbeit, viel Zeit, viel Begeisterung.“ Also letztlich, wie in jedem „ge-pflegten“ Garten. Daran hat sich in den Jahrhunderten nichts geändert. Dann wendet sich der Gärtner wieder den Rosenstöcken zu, insgesamt über 700 Stück und mehr als 200 Sorten. Es ist die größte Sammlung historischer Rosensorten in der Schweiz.

Die „Rosa Sancta“
Eine davon ist die „Rosa Sancta“ im kleinen Kreuzgang. „Schon im 4. Jahrhundert wurde die „heilige Rose“ in Abessinien in Klöstern bei Gräbern angepflanzt“, erzählt die Gästeführerin Annemarie Spring. Schon seit Jahren führt die Schweizerin Gäste durch die Klosteranlagen. Die Pflanzen und vor allem die Kräuter und Blumen haben es ihr angetan – und: die Rosen. Die „Rosa Sancta“ hat silbrig-rosafarbene Blüten mit goldgelben Staubgefäßen. Vermutlich schmückte sie schon die Gräber der vorchristlichen Ägyptern. „Später“, erklärt Annemarie Spring weiter, „entwickelte sich die Rose dann zum Symbol der Mutter Gottes.“
Gestiftet wurden die Rosen von der Rosengesellschaft Winterthur. Da gibt es auch die pink Stachelbeerrose mit den kleinen Blättern oder die sehr wuchsfreudig Chinarose. Alte Rosen sollten es sein, also Rosen, die vor 1867 gezüchtet wurden. Ganz so wie es einem Barockgarten entsprach.

Obstgarten im Klosterhof
Im Innenhof des im 15.Jahrhundert erbauten Klosters liegt der ehemalige Friedhof. Über die Jahrhunderte wurden 300 Geistliche hier beerdigt auf die für Kartäuser typische Weise: ohne Sarg auf Brett, nur mit einem namenlosen Kreuz. Wie damals wachsen heute noch im Klosterhof Obstbäume – als Symbol der Auferstehung.

Kunst der Jenny Holzer im Priorat-Garten
Der sogenannte Priorat-Garten ist größer als die anderen kleinen Gärtchen vor den Kartäuser-Häuschen. Der Prior, der Leiter des Klosters, bewirtschaftete seinen Garten als einziger Mönch nicht selbst. Und als einziger hatte er einen Gärtner. Noch heute ist dieser Garten besonders aufwendig bepflanzt. Dort wächst auch die „Rosa canina“. „Sie ist die älteste Rose hier“, meint die Pflanzenkennerin Annemarie Spring. „Ihr Name „Hundsrose“ kommt übrigens von hundsgemein.“
Doch dieser hübsch anmutende Garten hat eine zweite Ebene, nicht räumlich, sondern atmosphärisch. Eine Ebene, die rührt, schockiert. Für manche Besucher unerträglich. Eine Ebene der Gewalt. Wer den Garten genauer betrachtet, stößt auf den Sitzbänken auf Texte von Jenny Holzer. Die Künstlerin hat dort Texte von Opfern und Täter von Gewaltverbrechen und auch deren Angehörige installiert. Texte von der Gewalt. Verwirrend, für viele unerträglich zu lesen. Die Texte auf den Bänken wirken, als würden sie ihren Lesern sagen wollen, dass der Mensch nirgendwo sicher ist, auch nicht im schönsten Garten.

Pferdeskulptur aus Metall in Ittingen

Kunst im Klostergarten Ittingen in der Schweiz

Kunst im Klostergarten
Garten, Kunst und Kultur verschmelzen in der Kartause Ittingen aufs innigste miteinander. Auf dem Gelände sind drei Museen untergebracht. In den historischen Klosterräumen wird zeitgenössische Kunst ausgestellt. Und überall im Klosterhof stehen Kunstinstallationen mitten im Grün – ganz als wäre die zeitgenössische Kunst für dieses mittelalterliche Ambiente geschaffen.

Klang-Skulptur von Jennifer Cardiff
Und dann gibt es da noch den „Ittingen Walk“, eine Klang-Skulptur von Jennifer Cardiff, die unter die Haut geht. Mit einem Audioguide wird der Besucher allein durch die Jahrhunderte alten Klosterräume geleitet. Geschickt verknüpft die Künstlerin die Vergangenheit des Ortes auf suggestive Weise mit den Gefühlen des Besuchers. Auch diese Kunst von Jennifer Cardiff verweist auf die Abgründe einer Idylle.

Die Gartenanlage
1848 wurde das Kloster aufgelöst. Vieles hat sich seitdem verändert, manches besteht noch immer. Wie auch der Weinanbau auf dem Gut. Auf acht Hektar werden 17 verschiedene Weine produziert. Ittingen war einst der größte Weinhändler in der Ostschweiz und das reichste Kloster im Kanton. Früher wurde viel Geld mit dem Wein verdient. Nach 1848 hat für 110 Jahre eine Bankiersfamilie das Klostergut bewirtschaftet. Typisch für die Zeit: Pflanzen-Experimente von Wohlhabenden, die reisten und Pflanzen aus der Ferne holten.

Taschentuchbaum
So stehen heute noch ein großer Taschentuch- und ein Maulbeerbaum im Garten. Bäume, die eigentlich nicht in die Gegend gehören. Einheimisch dagegen ist die Eibe. Das Exemplar wird auf 150-300 Jahre geschätzt. Die langsam wachsende Eibe galt bei den alten Germanen als Schutzbaum gegen böse Geister. Früher wurde der Baum in der Medizin genutzt und für den Bogenbau. Die Pflanze mit den flaschengrünen Nadeln birgt Geheimnisse. Rehe lieben die junge Triebe der Eibe, Pferde können an ihr sterben.

Thymian-Labyrinth
Kloster bedeutet immer auch: der Weg nach Innen. Da passt auch das Labyrinth im Garten. Das Labyrinth als Symbol für unseren Lebensweg, als slow down, als Pilgerweg zu Gott. Und in der Mitte wohnt ein Geheimnis. Das Ittingen-Labyrinth besteht aus 12 Thymiansorten. Thymian steht für Klarheit. 1000 Pflanzen waren es ursprünglich, inzwischen sieht das Ganze etwas zerrupft aus. Dennoch kann sich der Besucher auf der sich windenden Linie zum Mittelpunkt bewegen. Das sind 200 Meter – bestenfalls auf dem Weg zu sich selbst.

Spiritualität
Die Kartause Ittingen war seit Jahrhunderten ein Ort der Spiritualität. Obwohl heute im Kloster Ittingen keine Mönche mehr leben, birgt die alte Klosteranlage dennoch eine spirituelle Anmutung. Ein Ort der Kunst und Gartenkultur, der Stille und der Besinnung. Ein klösterliches Pflanzenidyll.

 

WAS IST NOCH GUT ZU WISSEN?

INFORMATIONEN: Stiftung Kartause Ittingen, CH-8532 Warth bei Frauenfeld, Tel. +41 52 748 44 11, info@kartause.ch, www.kartause.ch

Der Eintritt zu einigen Gärten der Kartause ist frei. Interessant sind die Gartenführungen zu verschiedenen Themen. Die Kartause bietet auch Übernachtungsmöglichkeiten.

BESONDERES: Die Kartause von Ittingen veranstaltet in Zusammenarbeit mit der Rosengesellschaft Winterthur mehrtägige Rosenpflegekurse.

TIPP-LITERATUR: M.Macher/E.Oberle/M.Früh, Die Rosen der Kartause von Ittingen, ISBN 978-3-905172-74-4, Mattenbach Verlag

TIPP-SPEISEN: Das Restaurant der Kartause bezieht viele seiner Lebensmittel aus dem eigenen Gutsbetrieb mit Käserei, Gärtnerei und Weinanbau. Da kommt der Koch schon mal selbst aus der Küche und pflückt Salbeiblätter direkt im Beet. Im Inneren des Lokals rauscht ein riesiges Mühlrad aus dem 19. Jahrhundert. Im Sommer lässt es sich trefflich im Klosterhof speisen.

TIPP-SHOPPING: Der Klosterladen verkauft stabile Vögel-Futterhäuschen und Nistkästen für verschiedene Vogelarten im eigenen Garten. Daneben gibt es Gartenliteratur, Pflanzen und Produkte aus der Klostereigenen Landwirtschaft.

WEITERE INFOS ZUM REISELAND Schweiz:  www.MySwitzerland.com

 


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