VATIKAN: Campo S. Teutonico

 

Rom Campo Santo Teutonico 1

Der Petersplatz in Rom

 

Rom/deutscher Friedhof// Das Heilige Jahr macht Rom als Reiseziel für viele noch interessanter. Mehr denn je tummeln sich Touristen rund um den Vatikan. Die wenigsten besuchen dort aber den idyllischen Friedhof nahe dem Petersdom. Versteckt im Vatikan ist der winzige Campo Santo Teutonico, der heilige Friedhof der Deutschen, ein Garten zum Staunen.

Grüne Ruhe beim Papst
„Bis zur nächsten Wache und dann links“, weist der Schweizergardist den Weg, nachdem das Zauberwort „Campo Santo“ ausgesprochen ist. Zu Roms deutschem Friedhof gelangt niemand zufällig. Er liegt hinter den hohen Mauern des Vatikanstaates verborgen, ist kurioserweise aber exterritoriales Gebiet.

 


Versteckte Lage im Vatikan
Während die Massen in den Petersdom strömen, betritt der Ruhe suchende Gartenfreund auf der Rückseite des größten Gotteshauses Europas den winzigen Friedhof. Zwei Zypressen bewachen den Eingang. In dieser privilegierten Lage mitten im Vatikanstaat ist Platz Mangelware. Und so drängen sich die Gräber dicht an dicht. Der Gang vorbei an den Grabsteinen ist auch eine Reise durch die Geschichte der Deutschen in Rom.

Palmen und Orangenbäume
Dazwischen wächst üppiges Grün. Palmen in verschiedenen Größen, Oleander und Orangenbäume. Da stechen die intensiven Farben der Blüten von Strelizien und Begonien ins Auge. Schatten liebende Pflanzen wie Efeu und Farne umranken verwitterte Grabsteine.

Die Pflanzen wachsen an einem Ort mit wechselvoller Geschichte. Teile des Terrains bedeckte in Römischer Zeit der Zirkus des Nero, ein Ort der Christenverfolgung. Der Friedhof selbst geht auf die karolingische Zeit zurück. Forschungen gehen davon aus, dass er in der zweiten Hälfte des 8. Jahrhunderts gegründet wurde.

„Erzbruderschaft zur Schmerzhaften Muttergottes“
Dann im 15. Jahrhundert übernahm ein Vorläufer der „Erzbruderschaft zur Schmerzhaften Muttergottes“ den uralten „Fremdenfriedhof“. Sie ließ auf dem Gelände auch eine Kirche errichten, die heutige Santa Maria della Pietà. Im Jahr 1876 kam ein Studienzentrum mit Priesterkolleg und Bibliothek. Noch heute leben und studieren dort Priester und Priesteranwärter aus dem deutschsprachigen Raum.


Bibliothek von Papst Joseph Ratzinger/ Benedikt XVI
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Der deutsche Papst Benedikt XVI. hat das Kolleg 2010 zum Päpstlichen Kolleg erhoben. Die Bibliothek des Campo wird gemeinsam vom Kolleg und dem seit 1888 ansässigen Römischen Institut der Görres-Gesellschaft für Archäologie und Kirchengeschichte betrieben. 2015 ist sie durch die neue ‚Bibliothek Joseph Ratzinger/ Benedikt XVI.’ ergänzt worden. Nicht verwunderlich, lebte Joseph Ratzinger doch einst selbst einige Zeit auf dem Campo Santo. Er soll ihm stets emotional eng verbunden sein.

Erde aus dem Heiligen Land
Zur Geschichte des Campo Santo gehört auch, dass per Schiff sogar Erde aus dem Heiligen Land herangeschafft wurde. Daher auch der Name „Campo Santo“, heiliges Feld. Der Legende nach stammt die Erde , vom ‚Hakeldama’, dem Blutacker, auf dem das Kreuz Christi stand. Die Heilige Helena soll diese Erde von Jerusalem auf den Platz des heutigen Campo Santo Teutonisch übertragen haben.

Der Brauch der Erdübertragung ist alt. Im Hochmittelalter, in der Zeit der Kreuzzüge, war es üblich, Erde aus dem Heiligen Land mitzubringen, zum Teil ganze Schiffsladungen voll. Man ließ sich in dieser „heiligen“ Erde bestatten.

So kurios es heute vielleicht erscheinen mag, wurde diese „heilige Erde“ vom Campo Sancto Teutonico  dann weitergegeben, erstmals 1508, besonders häufig dann in der zweiten Hälfte des 17. Jahrhunderts. In Neapel, in Norditalien, in Spanien und Polen, aber auch in Deutschland erhielten Friedhöfe diese „heilige Erde“ aus Rom.


Ruhestätte für die Deutschen
Seit der Gründung des Vatikanstaates im Jahre 1929 hat der Campo Santo Teutonico den Status der Exterritorialität inne. Eine Enklave im Vatikan! Noch heute ist diese Gruppe deutscher, in Rom ansässiger Katholiken Eigentümerin des Gottesackers, inklusive des Begräbnisrechtes.

Friedhof der Rom-Liebhaber
Heute besuchen vor allem Deutsche – beizeiten völlig allein – die versteckten Gräber von Kirchenmännern, Ordensfrauen, Adelsdamen und Bürgerlichen: allesamt deutsch und in Rom verstorben. Wie etwa Joseph Spithoever aus Westfalen, der 1846 die erste deutsche Buchhandlung in Rom gegründet hatte. Gerade im 19. Jahrhundert zog es Künstler und Bildungsreisende aus Deutschland magisch nach Rom. Manche blieben für immer. Die Grabstellen an der Friedhofsmauer erinnern an die Archäologen, Historiker und Landschaftsmaler, die beruflich in Rom zu tun hatten.

Auf dem Campo Santo Teutonico beerdigt zu sein, gilt als Privileg. Nicht jedem wird es zuteil. Die Lebensgeschichten der Verstorbenen machen das Besondere an diesem Gottesacker aus. Wer tiefer in die Biografien der Toten einsteigt, wird reichlich fündig.


Hermine Speier – Archäologin beim Papst
„Leben ist Liebe“ steht auf dem Grabstein der Archäologin Hermine Speier, deren Grab mit grün-weiß gestreifter Segne bepflanzt ist. Die Frankfurterin ging schon 1928 nach Rom. 1934 war sie offiziell für den Vatikan tätig. Damit war Hermine Speier die erste Frau, die für einen Papst im Vatikan arbeitete. Andere Wissenschaftlerinnen sollten ihr später folgen. In der Nazi-Zeit konnte sich die Jüdin in einem Nonnenkloster verstecken. Später war die Archäologin verantwortlich für die Antikensammlung in den Vatikanischen Museen.
Die Deutsche, die nach dem Krieg zum katholischen Glauben konvertierte, starb 1989. In ihrer Stadt Rom unterhielt sie einen kulturellen Salon, an dem Künstler, Politiker, Diplomaten, Adlige, Kardinäle und Bischöfe der deutschen Gemeinschaft teilnahmen. Thema war dort auch Johann Joachim Winckelmann, den Speier sehr verehrte. Der deutsche Archäologe, der als Begründer der wissenschaftlichen Archäologie gilt, konvertierte ebenso wie sie im 18. Jahrhundert zum katholischen Glauben. Mit Winkelmann teilte Speyer die tiefe Sehnsucht nach Italien und nach Rom. „Eine Sehnsucht, die nur uns Deutschen eigen ist“, wie Speier selbst einst meinte. Geheiratet hatte „unsere Frau im Vatikan“ nie. Ihrem Grabstein zufolge muss sie das Leben geliebt haben, der Überlieferung zufolge mit Wein, Wissenschaft und mancher Liaison.

Efeu wächst am Grab von Maria Michael-Durach. Die Kunstmalerin aus dem Allgäu hatte sich wissenschaftlich mit Franz von Assisi beschäftigt, dem Namenspatron und Vorbild des heutigen Papst Franziskus.

 

Stefan Andres – verbotener Schriftsteller
Stark verwittert ist der Grabstein von Stefan Andres. Der deutsche Schriftsteller war von den Nazis verboten. Später, in den 1960er und 70er Jahren  erzielten seine gesellschaftspolitischen Werke hohe Auflagen. Andres lebte viele Jahre mit seiner Frau in Italien und starb 1970 in Rom.

Obwohl dieser ‚letzte Garten‘ klein ist, kann man sich mühelos länger darin aufhalten, soviel Neugierde erwecken die Lebensgeschichten der Begrabenen, soviel Pflanzen, Blüten und Blumen gibt es zu entdecken. Geschützt hinter hohen Mauern, aber alles im Schatten des Petersdomes, der Basilika Papale die San Pietro in Vaticano.


Gottesacker der Pilger
Doch wie in den Anfängen war und ist der Campo Santo immer auch ein Friedhof für deutsche Pilger, wie Franz Prause aus Hamburg, der während seiner Pilgerreise 1925 „durch einen plötzlichen Tod in ein besseres Jenseits abberufen“ wurde. So formulierte es seine Witwe auf dem felsenartigen Grabstein. Und auch heute noch haben gläubige Katholiken beim Tod in Rom Anspruch auf diesen begehrten Begräbnisplatz. Vorausgesetzt man befand sich auf offizieller Pilgerfahrt.

Für Nicht-Katholiken war es unmöglich, auf einem katholisch geweihten Friedhof beigesetzt zu werden. So wurde in Rom, im Herzen der katholischen Welt, der „Protestantische Friedhof“ gegründet. Ein Garten der Toten, dessen idyllische Stimmung ebenso anzieht, wie seine berühmten Namen auf den Grabsteinen der Dichter und Denker.


Ruhe im unruhigen Rom
Im manchmal hektischen und lauten Rom haben sich einige Friedhöfe als Oasen der Ruhe erhalten. Selbst wenn der Begriff Oase reichlich abgegriffen ist, hier trifft er vom Empfinden tatsächlich zu. Mitten in der Stadt einen Ort zu finden, an dem der Gartenfreund zwischen Pflanzen und oftmals geheimnisvollen Grabsteinen flanieren kann, ist erstaunlich. So gelten die letzten Ruhestätten in der Ewigen Stadt immer noch als Geheimtipp.

 

Rom Campo Santo Teutonico h9

 

WAS IST NOCH GUT ZU WISSEN?

Campo Santo Teutonico: Piazza S. Pietro, Vatikan, südlicher Eingang neben den Kolonnaden am Petersplatz, Montag bis Samstag von 7 bis 12 Uhr
Ein wichtiges Detail: Man muss die Schweizergarde auf Deutsch nach dem Friedhof fragen, dann öffnen sie die Tore.

 


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