BUCH-TIPP: Flora – 3000 Jahre Pflanzendarstellung in der Kunst

Dieses Coffee-Table-Book ist so schön, dass man es wirklich in die Hand nimmt und sich lange darin vertiefen kann, trotz seines Gewichtes und seiner Größe (25,0 x 29,0 cm). Botanik und Kunst feiern in diesem Werk Hochzeit. In gewisser Weise ist „Flora“ mit seinen rund 300 Pflanzen-Abbildungen die Potenzierung botanischer Kunst.

Viele Pflanzen sind ja eigentlich per se schon Kunstwerke, made by nature. Besonders deutlich wird das in Makro- und Nahaufnahmen, die feinste Faserstrukturen sichtbar machen. Auf einer schwarz-weiß Fotografie aus dem Jahr 1929 von Karl Blossfeld, dem Wegbereiter der Pflanzenfotografie als Kunstform, sind selbst einzelne Härchen eines sich entrollenden Farnwedels zu erkennen.

Dieser Fotografie gegenüber gestellt ist ein Bild eines australischen Baumfarnes von 2004. Die britische Künstlerin Stephanie Berni präzisiert auf ihrem Aquarell über Bleistift selbst kleinste Details. Die geniale Struktur und die feinen Haare des riesigen Farnes, den die Ureinwohner Tasmaniens einst auch verzehrten, sind auf dem Bild fast noch deutlicher zu erkennen, als auf der daneben positionierten Fotografie.

Diese Gegenüberstellung jeweils zweier Kunstwerke auf zwei Buchseiten ist das Besondere, ist der Mehrwert dieses Bildbandes. Da begegnen sich Pflanzendarstellungen aus unterschiedlichen Zeiten und Orten. Abgedruckt sind Bilder von wenig bekannten Künstlern, ebenso wie von berühmten, wie Georgia O’Keeffe, Robert Mapplethorpe oder Pierre-Joseph Redouté, dem „Blumenmaler“ von Kaiserin Joséphine in Frankreich. Es blättert sich wie in einem Who-is-who der Pflanzendarstellungen der letzten Jahrhunderte.

Manche „Verpaarungen“, sei es als Vergleich oder Kontrast, lösen beim Betrachter einen „Aha“-Effekt aus, wenn sich etwa Digital-Fotografie aus dem 21. Jahrhundert der gleichen Pflanze widmet wie Holzschnitt-Kunst aus dem 17. Jahrhundert, wie im Beispiel der 1569 erstmals erwähnten Passionsblume: Jonathan Singer mit seiner digitalen Hasselblad-Kamera versus dem Dominikanermönch Donato d’Eremita, für den die Blume ein Symbol der Kreuzigung Christi war.

Da ist einerseits der unterschiedliche Blick auf dasselbe Sujet und andererseits der fast gleiche Umgang trotz eines Zeitabstandes von drei Jahrhunderten. So ähneln sich die getrockneten Pflanzen des französischen Herbariums des Arztes Jean Girault von 1558 doch sehr den gepressten Blumen, die die amerikanische Dichterin Emily Dickinson um 1839 sammelte.

Bei der immensen Bildersammlung ist eins überraschend: Im Zeitalter der digitalen Bilderinvasion gibt es immer noch zeitgenössische Künstler, die sich der auf den ersten Blick vielleicht altmodischen Art der Pflanzenmalerei widmen. Auf den zweiten Blick zeigt sich aber die meisterliche Detailtreue als zeitlos, wie man sie bereits von Maria Sibylla Merian kennt.

Alle 300 Abbildungen sind mit einem kurzen, dennoch höchst informativen Text versehen, der Hintergrundinformationen über Künstler, Pflanzen und jeweilige Umstände der Entstehung der Kunstwerke gibt.

Auch der Einführungstext des Botanikers und Pflanzensammlers James Compton über die Geschichte der botanischen Illustration lohnt der Lektüre. Es liest sich als kompakten Abriss der Natur-Darstellung – von den Ursprüngen früher Völker, die Pflanzen als Geschenke der Götter betrachteten, bis zu modernen Entwicklungen unserer Zeit, wie etwa die computerbasierten Arbeiten der Installationskünstlerin E.V. Day. Fasziniert von dem berühmten Garten des französischen Malers Claude Monet in Giverny, wo sie drei Monate als ‚Artist in Residence’ weilte, gestaltete die New Yorkerin dreidimensionale Seerosen aus Plexiglas als zarte Meditationsobjekte in Rosa.

So ist der Band gefüllt mit kunstvollen Schönheiten. Die Auswahl dieser botanischen Kunstwerke kuratierte ein internationales Expertenteam. Vermutlich war die Wahl eine Qual. Zählen doch Pflanzen zu den Urformen der Kunst. Bei all der Schönheit und Wundersamkeit dieser Lebewesen erstaunt es nicht, dass der Mensch zu allen Zeiten die Flora darstellen wollte, abbilden musste.

Fazit: Für Menschen, die Pflanzen- und Kunstliebhaber zugleich sind, ist dieses Buch eine Bereicherung. Der Prachtband bietet reichlich Futter für Augen, Hirn und Seele.

 

Flora – 3000 Jahre Pflanzendarstellung in der Kunst

Deutsche Verlags-Anstalt
2017
ISBN: 978-3-421-04051-0

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