Côte d’Azur: Traumgärten mit Palmen

Schuld sind diese gartenverrückten Engländer. Sie haben im 19. und 20. Jahrhundert die Côte d’Azur für sich entdeckt, Villen gebaut und Gärten angelegt – mit möglichst exotischen Pflanzen aus Afrika, Asien und Australien. vonREISENundGAERTEN nimmt Sie mit auf eine Reise entlang der strahlenden Küste der französischen Riviera zu prächtigen Parks und aufsehenerregenden Gärten – von Antibes bis Menton.

 

Die Palme – das Emblem der Côte d’Azur

 

Villa Eilenroc
Der Garten der Villa Eilenroc an der Spitze von Cap d’Antibes hat eine sensationelle Lage, auf einem Plateau direkt am Mittelmeer. Und die Villa? Sie ist gigantisch. Mit ihren Säulen erinnert sie an das Weiße Haus in Washington. Charles Garnier, der berühmte französische Architekt der Alten Oper in Paris, hatte den Auftrag „Klotzen!“ Das war 1865. Der Meisterarchitekt sollte ein bombastisches Bauwerk schaffen.

Die Villa Eilenroc ruht auf der Halbinsel von Cap d’Antibes, die ins Meer hineinragt. Blau der Himmel und azurblau die See. Palmen wedeln im Wind. Doch ursprünglich war hier nichts, kein Baum, kein Strauch – außer einem Felsen im Wasser mit grandioser Aussicht. Den Garten gab es noch nicht. Wie auch, auf einem Felsen? Der erste Gärtner kapitulierte sofort. Garten, geht nicht. Nicht hier.

 

 

Traumgarten mit Meerblick
Der zweite Gärtner, ein einfacher Mann, überlegte, zeichnete kurz einen Plan mit Struktur und Achsen. Der reiche Eigentümer winkte ihn durch und los ging es. Unzählige Esel schafften mit Karren die Erde herbei. Dies war die Voraussetzung für die Pflanzen: Palmen und Pinien, Olivenbäume und grüne Eichen, Jakaranda und Zypressen. Eilenroc ist die unglaubliche Geschichte von unmöglichen Ideen und von Machbarkeit. Esel sei Dank!

Und heute? „Inzwischen kämpfen wir, das üppige Grün im Zaum zu halten“, erklärt Jean-Pierre Schaefer vom Grünflächenamt in Antibes. Das sonnenverwöhnte Mikroklima der Côte d’Azur lässt exotische Pflanzen gut gedeihen. Durch Erbschaft gelangte das Anwesen in die öffentliche Hand. Da inzwischen nur noch eine Handvoll Gärtner zur Verfügung stehen und nicht wie einst rund 30, wird zwangsläufig der „natürliche Stil“ gepflegt.

 

In der Villa Eilenroc ist fast alles eine Nummer größer als üblich.

Die Welt der Reichen
Die anfangs gepflanzten Bäumchen sind längst zu stattlichen Bäumen ausgewachsen. So promeniert der Besucher durch schattenspendende, mediterrane Wäldchen und Olivenhaine. Von den beiden großen Rosengärten kann der Neugierige auf die Nachbarvillen blicken. Sie gehören den Reichsten der Reichen dieser Welt, wie etwa dem russischen Oligarchen Abramowitsch. Die Gärten jener Anwesen bleiben für reguläre Besucher allerdings verschlossen.

 

Der Jardin Thuret ist ein wissenschaftlicher Garten an der Côte d’Azur, der stellenweise wie ein Urwald aussieht.

Jardin Thuret
Für jeden Besucher offen und dazu ohne Eintrittsgebühr ist der Jardin Thuret, ein dschungelartiger Garten ein Stück weiter auf Cap d’Antibes. „Es ist der schönste Garten, den ich je gesehen habe“, hat Georg Sand über den Jardin Thuret in Antibes geschrieben. Vermutlich war es die unermessliche Vielfalt der exotischen Gehölze, die die Französin betörte. Doch der Besuch der Schriftstellerin ist schon eine Weile her.

Heute wuchert es in diesem Garten. Bäume strecken sich in den Himmel. Darunter sind seltene Exemplare, die die südländische Hitze lieben, wie der Arbutus andrachne. Ein Erdbeerbaum mit rotfarbenem Stamm! Diese Art stammt vom Balkan. Zuerst wächst die Rinde in Grün, dann schält sie sich und gibt den glatten Stamm frei in Rot. Dieser Baum ist ein Exzentriker! Er stich im Kreise seiner Nachbarn deutlich hervor und zieht die Blicke auf sich.

Ein seltenes Rot: Arbutus andrachne, der Erdbeerbaum.

Forschungsgarten mit Historie
„Wir führen in unserem Jardin Thuret viele Forschungen durch“, sagt Catharine Ducatillon, die Direktorin des Forschergartens. „So untersuchen wir, wie sich die Bäume auf den Klimawandel einstellen.“ Die Wissenschaftlerin ist eine Frau mit Erfahrung. Pflanzen sind ihre Leidenschaft. So passioniert war auch der Begründer dieses Gartens an der französischen Riviera: Gustav Thuret (1871-1875). Der Pflanzenkenner kaufte 1857 ein fünf Hektar großes Grundstück auf der Halbinsel Cap d’Antibes. In 20 Jahren pflanzte er dort rund 4.000 Pflanzenarten. Viele der teils exotischen Gewächse stammten aus Kolonien.

 

„Thuret hatte in gewisser Weise einen extremen Charakter“, versucht Catherine zu erklären. „Er zog Dinge durch!“ Protestantisch, diskret, seriös. Ein leidenschaftlicher Gärtner. Seine wohlhabende hugenottische Familie stammte aus den Niederlanden. Gustave Thuret sprach mehrere Sprachen und war in der Welt unterwegs, auch als Attaché in der Botschaft Frankreichs in Konstantinopel.

Seine Schwägerin, die später den Garten mit der Villa erbte, vermachte das Anwesen dem französischen Staat. „Noch heute leben Mitglieder der Familie Thuret in der Region“, berichtet Catherine. „Und sie interessieren sich nach wie vor für den Garten.“

Pflanzenjäger im Auftrag der Wissenschaft
Doch Thuret war kein üblicher Pflanzenjäger wie die gartenanlegenden Engländer zu der Zeit an der Riviera. Thuret war Botaniker. Sein Interesse galt der Wissenschaft. Er untersuchte die exotischen Pflanzen in seinem Garten und protokollierte, wie sich die eingeführten Bäume an das Mittelmeer adaptierten.

 

 

Dank seiner Aufzeichnungen, die nach seinem Tod fortgeführt wurden, weiß man heute ganz genau, wann welcher exotische Baum gepflanzt wurde. Ein unermesslicher Schatz für Wissenschaftler. Wie haben die Pflanzen sich an den Ortswechsel angepasst? Wie reagieren sie auf Trockenheit? Wie ertragen sie Schädlingsbefall? Fragen, die heute aktueller denn je sind.

„Der Jardin Thuret ist der einzige Garten in der Gegend, in dem eine aktive wissenschaftliche Recherche stattfindet“, erklärt Cathrine etwas stolz. Gestern waren Studenten von der Uni in Montpellier im Garten und untersuchten bestimmte Baumarten. Forscher aus der ganzen Welt besuchen den Jardin Thuret für ihre Forschungszwecke. Insgesamt zählt der Garten 15.000 bis 20.000 Besucher im Jahr.

Die Côte d’Azur ohne Palmen – unvorstellbar!

Der Mann mit der Phoenix Palme
So ist der Jardin Thuret das Gegenteil eines typisch französischen Gartens: nicht streng geordnet und beschnitten, sondern wild und natürlich. In diesem Park mit dem großen Pflanzenreichtum haben die Bäume die Chance, zu ihrer eigenen Gestalt heranzuwachsen. Kein Gärtner beschneidet sie. „Für mich ist das die Harmonie der Natur“, schwärmt Catherine.

Gustave Thuret war es auch, der die Phoenix-Palme von den Kanarischen Inseln an die Côte d’Azur brachte. Vor dem 19. Jahrhundert gab es dort nur zwei eigene Palmenarten. Thuret ließ die Phoenix Palme von den Kanarischen Inseln heranschiffen. Diese groß wachsende, einstämmige Palme sollte zum Emblem der Riviera werden. Das Postkartenmotiv schlechthin.

 

 

Nizzas moderner Park
In Nizza sind besonders stattliche Exemplare an der Uferstraße zu bewundern. Dazu präsentiert ein neuerer Park moderne Gartengestaltung: die Promenade du Paillon. Wie ein langer Korridor zieht sich diese grüne Oase 1,2 Kilometer an der Altstadt entlang. Ringsherum stehen Häuser, Autos fahren vorbei.

 

Die Pflanzungen in dem zwölf Hektar großen Park geben sich zeitgenössisch, also mit Gehölzen, mehrjährigen Stauden und Gräsern. Aufwändige Wechselbepflanzung war gestern. Die Leute spielen, essen, trinken, ruhen sich auf schicken Gartensesseln aus. Selbstvergessen springen Kinder zwischen Wasserfontänen umher. „Diese Wasserspielanlage gehört zu den größten in Europa“, erklärt Jean-Michel Meuriot, der Gartenexperte der Stadt. „Inzwischen ist sie ein Symbol für Nizza.“

 

Weiße Rosen im Jardin du Monastère de Cimiez

 

Mittelalter-Garten zeitgenössisch bepflanzt
Der Botaniker ist auch für die kreative Bepflanzung des Jardin du Monastère de Cimiez im Norden von Nizza verantwortlich. In dem Klostergarten aus dem 16. Jahrhundert hat er Stauden und Blumen zu farblich abgestuften Rabatten komponiert. Einige leuchten fast provokativ.

 

Frech lugt da zwischen den Blüten Gemüse durch, wie etwa kräuseliger Kohl oder rotstieliger Mangold. „Ob traditionell oder zeitgenössisch: Das aufwändige Stadt-Grün ist typisch französisch“, sagt Meuriot. „Es ist Teil unserer Kultur.“

 

Eine Homage an den klassischen Klostergarten im Jardin du Monastère de Cimiez

 

Die grünen Oasen der Rothschilds
Gartenfans reisen an der Côte d’Azur weiter auf die exklusive Halbinsel Saint-Jean-Cap-Ferrat. In einer Traumlage ließ die gartenverrückte Baronin Béatrice von Rothschild zu Beginn des 20. Jahrhunderts die Villa Ephrussi de Rothschild mit einem opulenten Park anlegen.

Der Besucher wandelt durch sieben Themengärten, wie dem außergewöhnlichen japanischen, dem florentinischen oder dem exotischen Garten mit meterhohen Kakteen. Vorbei geht es an riesigen weißblühenden Strelitzien, durch ein Bambuswäldchen zu uralten Bäumen.

„Besonders stolz sind wir auf die seltenen Pflanzen“, erläutert Chefgärtner André Castellan. „So wurde der Pin de Wollemi etwa, ein Baum aus der Araukarien-Familie, erst 1994 entdeckt.“

 

 

 

Helikopter-Gardening in Eze
Zu den Top-Sehenswürdigkeiten an der Côte d’Azur zählt der Jardin Exotique in Eze. Steil geht es zu Fuß die Gassen des mittelalterlichen Dorfes hinauf. Auf rund 400 Metern Höhe recken sich Kakteen, Sukkulenten, Aloen und Agaven der Sonne entgegen.

 

„Bei uns wachsen Hunderte Arten exotischer Pflanzen“, erklärt Patrick le Tiec vom Tourismusbüro Eze. „Neuankömmlinge transportiert der Hubschrauber heran.“ Wer Glück hat, kann beim Helikopter-Gardening zusehen. Der Panoramablick aufs Meer ist in diesem Gipfelgarten stets garantiert.

 

Helikopter-Gardening im Jardin von Eze. Hier kommen die Pflanzen angeflogen.

 

Gartentraum in Menton
Die Reise endet in Menton, der Gartenstadt an der französischen Riviera. Eine geheimnisvolle Atmosphäre erfüllt den schön verwilderten Garten Serre de la Madone, das gärtnerische Lebenswerk des weit gereisten Pflanzenjägers Lawrence Johnston (1871-1958).

Der Jardin Serre de la Madone ist ein Ort für Träumer, die sich im Grün vergessen wollen.

 

„Er hat auf mehreren Terrassen eine unglaubliche Sammlung botanischer Raritäten angelegt“, erklärt Stéphane Constantin. Als Gärtner hat er lange in dem Park gearbeitet – und erliegt noch immer dem magischen Pflanzenzauber dieses Meisterwerks der Gartenkunst.

 

 

 

WAS IST NOCH GUT ZU WISSEN?

INFORMATIONEN: Die Côte d’Azur im Süden Frankreichs ist über den Flughafen von Nizza zu erreichen. Für den Besuch der Gärten empfiehlt sich ein Mietwagen. Im Frühling blüht besonders viel. Doch manche Gärten können auch ganzjährig besucht werden. Man sollte sich genau nach den Öffnungszeiten erkundigen.

TIPP-ÜBERNACHTUNG:  Für Gartenliebhaber auf einer Gartenreise an der Côte d’Azur empfehle ich folgende Hotels mit Garten:

Luxus: Das „Hotel Royal Riviera“ in Saint-Jean-Cap-Ferrat zeigt sich ungezwungen und mit Stil. Sein großer, aufwändig gestalteter Garten mit Palmen gehört zum Hotelerleben dazu. www.royal-riviera.com

Die Mitte mit Charme: Das „Hermitage Hotel“ in Eze, unweit von Nizza auf einem Bergpass gelegen, hat einen Garten mit stylischem Ambiente. Dort lässt sich wunderbar frühstücken und dinieren bei ausgezeichneter Küche und sehr freundlichem Service.

Günstig: Auch das kleine Hotel „Villa Saint Hubert“ in Nizzas Norden verfügt über einen wenn auch winzigen Vorgarten. Die hilfsbereite Eigentümerin des Gebäudes aus dem 19. Jahrhundert kümmert sich persönlich um ihre Gäste. www.villasainthubert.com

LITERATUR-TIPP: Als Reiseführer-Klassiker gibt der Baedeker von Frankreich-Kenner Klaus Simon einen profunden Einblick in die Gegend.
Baedeker, Reiseführer Provence, Côte d‘ Azur, Verlag Karl Baedeker, 2018, ISBN: 978-3-8297-4621-2
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Wer sich grundsätzlich mehr über die Geschichte der Gartenkunst informieren und dabei den historischen Bogen aufgezeigt bekommen möchte, sollte sich für diesen Nachdruck einer Gartenbuch von 1914 interessieren.
Marie Luise Gothein, Geschichte der Gartenkunst – Zweiter Band: Von der Renaissance in Frankreich bis zur Gegenwart, Verlag Saxoniabuch, 2019 (Nachdruck von 1914), ISBN: 978-3957705020
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WEITERE INFOS ZUM REISELAND Frankreich: de.france.fr

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