HOLLAND: Pflanzenjäger Paul Keßler

Der Deutsche Paul Keßler ist Direktor des ältesten botanischen Gartens in Holland, des Hortus botanicus in Leiden. Bei ihm dreht sich alles um Pflanzen. Ein Traumjob, wie er meint.

 

Die Altstadt von Leiden – eine Postkartenidylle!

 

Die offizielle Berufsbezeichnung von Paul Keßler ist „Präfekt“. Das klingt für deutsche Ohren etwas hölzern. Sagen wir, er ist Direktor, nämlich vom Hortus botanicus in Leiden in Holland. Dieser botanische Garten ist der älteste in den Niederlanden.

 

Natürlich spielt die Tulpe im Hortus botanicus eine wichtige Rolle.

 

Die malerische Stadt Leiden am Alten Rhein mit ihren Grachten, Giebelhäusern und idyllischen Hinterhöfen, Hofjes genannt, hat eine Jahrhunderte lange botanische Tradition. „Unser Garten wurde bereits im Jahr 1590 als akademischer Garten der Universität angelegt“, erklärt Paul Keßler. Der Wissenschaftler stammt ursprünglich aus Recklinghausen.

 

Der Hortus botanicus als akademischer Garten in seinen Anfängen.

 

Der Garten wurde also just im ‚Goldenen Zeitalter‘, als die Niederlande mit dem Handel von Gewürzen reich wurden, gegründet. Kein Zufall. Damals brachte die holländische Ostindien-Kompanie seltene Pflanzen aus den Tropen mit nach Hause – der Anfang einer großen Sammlung von südostasiatischer Flora in Leiden. Und so erstaunt es nicht, dass Professor Paul Keßler zugleich auch einen Lehrstuhl für Botanik von Südost-Asien innehat.

 

Paul Keßler aus Deutschland leitet den Hortus botanicus in Leiden.

 

Exotik pur in den Gewächshäusern in Leiden. Die Wedel des urgewaltigen Riesenfarns (Angiopteris evecta) können über fünf Meter lang werden. Und auch die legendäre Riesenseerose „Victoria amazonica“ aus Südamerika, die nur nachts blüht, ist ihrer Bewunderer sicher.

 

Tropische Pflanzen bei tropischen Temperaturen im Gewächshaus.

 

„Eigentlich wollte ich als Kind Zoodirektor werden“, erzählt der Pflanzenforscher. „Doch bei einem Ferienjob in einer Staudengärtnerei in den Niederlanden lernte ich die den Pflanzen innewohnende Schönheit, insbesondere bei Blüten und Früchten wertzuschätzen. Auch die daraus resultierenden wissenschaftlichen Fragen interessierten mich.“ Der große Mann mit Brille neigt den Kopf leicht zur Seite und erinnert sich. „Dies war der Grundstein für mein Interesse an Pflanzen, an ihrer Vielfalt, ihrer Klassifizierung und Systematik.“

Sein Doktorvater prophezeite ihm eine großartige Karriere in der Pflanzensystematik. Er sollte Recht behalten. 1987 wurde Paul Keßler Direktor des botanischen Gartens der Universität Bielefeld, blieb aber nicht lange. „Dort stellte ich fest, dass eine botanische Forschung an südostasiatischen Arten in Deutschland schwierig war.“

 

Farne aus den Tropen wachsen in den Gewächshäusern.

 

Ein Stipendium der Deutschen Forschungsgemeinschaft brachte ihn nach Leiden in den Niederlanden. Der Akademiker aus Deutschland arbeitete zunächst im Reichsherbarium der Universität. Die ehrwürdige Sammlung beherbergt mehr als vier Millionen getrocknete Pflanzenexemplare, darunter viele tropische aus dem 16. und 17. Jahrhundert. Ein wissenschaftliches Eldorado für Keßler!

Und dann ging es für den Forscher zum Pflanzensammeln nach Indonesien. Die Gewächse des asiatischen Regenwaldes faszinieren ihn. Der „Pflanzenjäger“ bereiste später fast alle südostasiatischen Länder. Doch im Gegensatz zu den Forschern im 19. Jahrhundert geht es inzwischen nicht mehr darum, die Beute außer Landes zu schaffen. Heute werden in den Ländern selbst lokale Herbarien angelegt. Und als Wissenschaftler kümmerte sich Paul Keßler um internationale Kooperationen zwischen Universitäten, botanischen Gärten und Forschungsinstitutionen. Auch, damit Wissen geteilt werden kann.

 

Schmale Wege schlängeln sich durch den Garten.

 

2006 wurde der Kenner der asiatischen Pflanzenwelt dann Direktor des Hortus botanicus Leiden und damit Herr über 15 Mitarbeiter, vielen ehrenamtlichen Helfern und 20.000 Pflanzensorten. Das passte, denn vor allem südostasiatische Pflanzen stehen in diesem botanischen Garten im Mittelpunkt. 4.500 Sorten zählt allein die Sammlung an tropischen Orchideen, die größte in den Niederlanden. Im beheizten Gewächshaus blühen sie bei angenehmen Temperaturen edel vor sich hin.

In der mehr als vier Jahrhunderte langen Geschichte des Botanischen Gartens Leiden ist Paul Keßler nicht der erste Direktor aus Deutschland. In der Botanik arbeiten Deutsche und Holländer Hand in Hand, man könnte auch sagen, sie sind bei der Erforschung der Pflanzenwelt zusammengewachsen.

 

Der Hortus botanicus Leiden liegt direkt am Wasser.

 

Und wie hält es der Planzenmensch aus Deutschland mit der Tulpe, der Nationalblume der Niederlande? „Ich schätze diese wunderbare Pflanze sehr.“ Da lächelt Paul Keßler. „Dazu hat unser Garten eine enge Beziehung zur Tulpe. Denn der erste Direktor des botanischen Gartens Leiden, Carolus Clusius, also mein ältester Vorgänger, züchtete hier als erster in den Niederlanden Tulpen. Der berühmte Botaniker verhalf so der Tulpe zum Durchbruch.“

 

Der Begründer des Hortus botanicus Leiden: Carolus Clusius.

 

Die Tulpe – holländische Schicksalspflanze. Sie kam Mitte des 16. Jahrhunderts über verschiedene Wege aus Asien nach Westeuropa. Carolus Clusius arbeitete gerade in Wien, als er die Zwiebeln erhielt. Später ging er nach Leiden und brachte seine Tulpen-Kollektion mit.

„Die erste Tulpe im Garten von Leiden erblühte 1595“, berichtet Paul Keßler weiter. Er muss es wissen, schließlich wurde er 2015 in den Tulpen-Orden der World Tulip Summit Society berufen.

 

Tulpen starteten ihre europäische Karriere in Leiden.

 

Mit dem Clusius-Garten hat man den ursprünglichen Universitätsgarten der frühen Jahre rekonstruiert. Er ist rechteckig mit fein abgezirkelten Beeten. Aus alten Zeichnungen und Bildern weiß man, dass botanisch orientierte Gärten um 1600 so aussahen. Heute können dort seltene Tulpensorten bewundert werden, die es in keinem Blumenladen zu kaufen gibt.

 

Wildtulpen im Hortus botanicus.

 

Pflanzen sind in Holland eine nationale Angelegenheit. Fast könnte man glauben, dass in den Adern unserer Nachbarn grünes Blut fließt. Da wundert es nicht, dass auch Königin Maxima mit ihren Kindern in den Hortus zu Besuch kommt.

Der königliche Nachwuchs soll besonders an fleischfressenden Pflanzen interessiert sein. Und an der Riesenseerose „Victoria amazonica“ aus Südamerika, die wohl behütete Perle des Gartens. Die legendäre Seerose lebt im Gewächshaus und kommt in den Sommermonaten zur vollen Geltung. Sie umgibt ein geheimnisvoller Zauber. Vielleicht auch deshalb, weil Sie nachts blüht und eine ganze Woche benötigt, um eine neue Blüte hervorzubringen.

 

Das historische Gewächshaus im Hortus botanicus in Leiden.

 

Paul Keßler ist stolz auf die lange Tradition seines Gartens, in dem viele sehr alte Pflanzen wachsen. „Der älteste Baum ist ein Goldregen, der bereits 1601 gepflanzt wurde“, erläutert der Botaniker und zeigt auf einen Baum gleich am Eingang. Noch immer präsentiert der alte Baum im Frühjahr tapfer seine gelbe Blütenpracht.

„Auch gibt es noch Pflanzen, die Philipp Franz von Siebold (1796-1866) Mitte des 19. Jahrhunderts aus Japan mitgebracht hatte, wie etwa die Japanische Zierquitte (Chaenomeles speciosa) oder die Japanische Walnuss (Juglans ailantifolia).“

Siebold kam aus Franken und war als Arzt im niederländischen Auftrag sieben Jahre in Japan tätig. Der Wissenschaftler, der übrigens auch mit dem berühmten Weltenforscher Alexander von Humboldt befreundet war, beschäftigte sich intensiv mit der Flora Japans. Er sammelte zahlreiche Pflanzen und brachte sie nach Europa. Das große botanische Interesse des Würzburgers mündete in seinem Werk „Flora Japonica“.

 

Der Pflanzenjäger und Japanforscher Philipp Franz von Siebold.

 

„Wussten Sie, dass wir uns nur deswegen an vielen Gartenpflanzen wie Hortensien, Herzblattlilien oder japanische Anemone erfreuen können, weil von Siebold die ersten Exemplare importiert hat?“, fragt Keßler mit spürender Bewunderung für den deutschen Gelehrten aus dem 19. Jahrhundert.

Zu Ehren des Japanforschers, der später viele Jahre in Leiden lebte, hat man im Botanischen Garten Leiden im Jahr 1990 einen Siebold-Erinnerungsgarten, den Von Seibold Gedenktuin, angelegt. In dem japanisch anmutenden, mit einer roten Mauer umschlossenen Gartenareal steht seine Büste.

 

 

Sie ist umgeben von Pflanzen, die Siebold selbst einst in Fernost erstmals kennenlernte, wie die Japanische Zelkove (Zelkova serrata). Das Holz dieses Ulmengewächses wird in Japan für den traditionellen Bogenbau verwendet. Dieser in sich geschlossene Garten soll dem Wunsch Siebolds nachkommen, dass sich Ost und West näherkommen mögen. Ein frommer Wunsch, bedenkt man, dass der Forscher – verdächtigt als Spion – aus Japan ausgewiesen wurde. In der Welt der Pflanzen allerdings wurde sein Wunsch Wirklichkeit.

Doch ein botanischer Garten ist keine reine Idylle, wie er vielleicht auf nicht wissenschaftliche Besucher wirken mag. Paul Keßler macht sich Sorgen um den Erhalt von botanischen Gärten in Europa. „In den letzten Jahren haben in vielen europäischen Ländern heftige Diskussionen über die Relevanz von botanischen Gärten stattgefunden“, erklärt er die neue Situation. Der Wissenschaftler ist traurig über die Schließung des einzigen botanischen Gartens im Saarland im Jahr 2016.

 

 

Dagegen freut er sich über Beispiele aus anderen Ländern. „Indonesien zum Beispiel hat damit begonnen, mehrere neue botanische Gärten auf den verschiedenen Inseln zu entwickeln.“ Bei der Entwicklung eines neuen Gartens der Universitas Indonesia in Jakarta wurde Paul Keßler, der selbst auch Indonesisch spricht, um Rat gefragt.

Ihn treibt die Frage um, wie die Zukunft seines Gartens in Leiden und von botanischen Gärten überhaupt aussehen wird. „In der botanischen Zunft wird über den Auftrag der botanischen Gärten in der Gesellschaft viel diskutiert. Im Zeitalter dramatischen Artensterbens soll ein globales System zum Bewahren der Pflanzenvielfalt errichtet werden.“ Gerade beim Erhalt von bedrohten Arten spielen botanische Gärten eine wichtige Rolle.

 

 

„Nach wie vor dient unser Hortus der Forschung und Lehre“, erklärt Paul Keßler. Auch wenn Einheimische und Touristen das grüne Areal zum Spazierengehen und zur Erholung nutzen, ist der botanische Garten kein öffentlicher Park im herkömmlichen Sinne. Das ist dem Präfekt Keßler äußerst wichtig. Für seine Mitarbeiter ist es verpönt zu sagen: „Ich gehe in den Park.“

„Als Forscher können wir aber nicht mehr in unserem Elfenbeinturm mit wenig Verbindung zur Außenwelt verharren. Ein akademischer botanischer Garten ist ein sehr geeignetes Forum, um Debatten über wichtige weltweite Herausforderungen in den Bereichen Wasserknappheit, Klimawandel und Verlust von biologischer Vielfalt zu entfachen.“ Der Wissenschaftler glaubt, dass schon die große Zahl der Besucher von botanischen Gärten ein Potential dafür bietet. In den Niederlanden sind dies rund eine Million, in Deutschland mehr als 20 Millionen Menschen pro Jahr.

 

Palmblatt im Gewächshaus.

 

Der Gartendirektor findet es wichtig, dass der Hortus botanicus Leiden zusammen mit anderen botanischen Gärten in Europa an dem EU-Projekt „Big Picnic“ beteiligt ist. Es soll ein Bewusstsein für Fragen der künftigen Ernährung wecken und einen Dialog zum Thema Nahrungssicherheit anstoßen.

Der grüne Elfenbeinturm öffnet sich. „Bei uns im Garten kann man jetzt auch Hochzeiten unter Bäumen feiern“, schmunzelt Paul Keßler. Der finanzielle Druck tut sein Übriges. Und der Hortus entwickelt sich immer weiter. Zuletzt wurde ein chinesischer Kräutergarten eröffnet.

 

Riesige Vasen aus China schmücken den Chinesischen Garten im Hortus botanicus Leiden.

 

Übrigens, zuhause gärtnert der Gartendirektor ebenso gerne, wenn auch in einem kleinen Garten. Und wenn der Professor für Botanik sich einmal gerade nicht mit Pflanzen beschäftigt, was macht er dann? Er spielt Orgel und leitet einen Chor.

Und da wir schon beim Privaten sind. Der 61jährige ist verheiratet und hat zwei Kinder. „Meiner Frau bin ich überaus dankbar. Sie hat mich insbesondere während meiner monatelangen Abwesenheit unterstützt und für meine Arbeit abends und an Wochenenden Verständnis. Ohne die Liebe und das Organisationstalent von Eva wäre ich nie so weit gekommen.“ Eva – die Frau im ersten Garten der Menschheit. Wenn das nicht zu einem Botaniker passt.

 

Leiden, eine Stadt mit botanischer Historie.

 

WAS IST NOCH GUT ZU WISSEN?

INFORMATIONEN: www.hortusleiden.nl

Übrigens war es der erste Direktor des Botanischen Gartens Leiden, Carolus Clusius, der im 16. Jahrhundert der Tulpe in Holland den Weg des Erfolgs ebnete.

Empfehlenswerte Gärten in der Nähe: In Leiden befindet sich nicht nur der Hortus Botanicus Leiden, der älteste Botanische Garten der Niederlande. Gartenbegeisterte sollten sich in der Altstadt von Leiden unbedingt die sogenannten Hofjes ansehen. Diese von der Straße abgeschirmten Innenhöfe aus dem Mittelalter sind noch heute bedürftigen Bewohnern vorbehalten. In einigen der Höfe gibt es wunderbar idyllische Gärten zu entdecken. Diese können eigenständig oder mit einer geführten Tour vom Tourismusbüro Leiden besucht werden.

 

LITERATUR-TIPP: Die preisgekrönte Gartenbuchautorin Anja Birne hat nach England auch den Niederlanden und Belgien ein umfangreiches Gartenreisebuch gewidmet. Schön gestaltet und wieder mit landestypischen Rezepten zum Nachkochen.

Anja Birne, Romantische Gartenreisen in den Niederlanden und Belgien: Zu Besuch in den schönsten Gärten mit den besten Geheimtipps, Callway Verlag, 2019, ISBN: 978-3766723956
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Das goldene Zeitalter, währenddessen der Hortus Botanicus in Leiden entstand, war auch die Geburtsstunde viele edler Landsitze in Holland als Ausdruck eines nie dagewesenen Reichtums. Viele davon sind noch erhalten und können besichtigt werden. Schöne Gärten gibt es da auch…

René W.Chr. Dessing, Holländische Landsitze. Bürgerträume einer goldenen Zeit, Verlag Schnell & Steiner, 2019, ISBN: 978-3-7954-3389-5
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WEITERE INFOS ZUM REISELAND Niederlande: www.holland.com

 

In Leiden gibt es Zugbrücken wie zu Rembrandts Zeiten.

 

Lesen Sie auch den vonREISENundGAERTEN-Artikel über außergewöhnliche Gärten an der Côte d‘ Azur im Süden Frankreichs.

 


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