Eine Reise zu faszinierenden Giganten der Natur
Seit Jahrhunderten wachsen in der Landschaft rund um den Bodensee in einem milden Klima beeindruckende Bäume aus aller Welt. vonREISENundGAERTEN hat dort in historischen Parks, Schlossgärten und Landschaftsanlagen lebende Zeitzeugen entdeckt. Die Baumkronen erzählen Geschichten von Gartenkunst und Pflanzenliebe. Hier geht es zur Gerichtslinde auf die Insel Reichenau, zu Zeitzeugen von Napoleon III. auf dem Arenenberg und zum privaten Stiegeler Park in Konstanz.
Gartenkunst auf der Klosterinsel Reichenau
Schon die Anreise stimmt auf das Thema Bäume ein. Über den Damm zur Insel Reichenau führt eine eindrucksvolle Allee aus hoch aufragenden Säulenpappeln, die den Weg zum UNESCO-Welterbe säumen. „Um 1830 wurden für diese Inselzufahrt ausschließlich männliche Säulenpappeln gepflanzt“, erzählt Inselführerin Monika Küble. „Nur sie entwickeln den charakteristischen schlanken Wuchs.“ Da Pappeln vergleichsweise kurzlebig sind, werden einzelne Bäume immer wieder ersetzt, sodass die historische Allee ihr markantes Erscheinungsbild bewahrt.
Geschichtsträchtige Bäume am Bodensee
Die Klosterinsel Reichenau blickt auf eine mehr als 1.300 Jahre alte Geschichte, bis heute steht sie für den Gartenbau. Schon die Benediktinermönche kultivierten Gemüse, Heilpflanzen, Obst und Wein. An diese Tradition knüpft ein außergewöhnliches Gartenprojekt an, das historische Quellen mit zeitgenössischer Gartengestaltung verbindet.
Münster mit neuem alten Garten
Hinter einer schlichten Holztür am Münster St. Maria und Markus öffnet sich der vor wenigen Jahren neu gestaltete Klostergarten. Wo vor Jahrhunderten der Kreuzgang verlief, stehen heute junge Linden wie lebende Säulen entlang eines rechteckigen Rasenhofes. Mit den Jahren sollen ihre Äste zu einem grünen Dach zusammenwachsen. Dann wird der ehemalige Kreuzgang wieder als schattiger Wandelgang erlebbar sein – ganz im Geist der mittelalterlichen Klostertradition.
Gartengedicht von Abt Strabo
Wenige Schritte weiter wachsen Heil- und Gewürzpflanzen in sorgfältig gegliederten Beeten. Ihre Auswahl orientiert sich am „Hortulus“, dem berühmten Gartengedicht des Reichenauer Abtes Walahfrid Strabo, das um 840 entstand und als älteste erhaltene Beschreibung eines Klostergartens im Abendland gilt. Mit poetischer Genauigkeit schildert Strabo darin 24 Gartenpflanzen und verbindet botanisches Wissen mit theologischer Symbolik.
Dass der Garten heute so lebendig wirkt, ist nicht zuletzt dem Engagement vieler Ehrenamtlicher zu verdanken. Gemeinsam mit der verantwortlichen Gärtnerin pflegen sie die Beete, ernten Kräuter und Gemüse und geben einen Teil der Erträge bei regelmäßigen Erntestunden an Inselbewohner weiter – ganz im Sinne der klösterlichen Tradition des Teilens.
Parkomanie am Bodensee
Auch unter den Bäumen finden sich Besonderheiten. Rund um den modernen Klosterbrunnen wachsen seltene Maulbeerbäume mit weißen Früchten.
Der älteste Baum der Insel steht jedoch an anderer Stelle. Auf dem Allmendeplatz in Mittelzell erhebt sich die mächtige Gerichtslinde, deren Alter auf rund 700 Jahre geschätzt wird. „Sie ist eine echte Baumpersönlichkeit“, sagt Monika Küble. Früher wurde an dieser Stelle Recht gesprochen. Wer heute unter der fast neun Meter ausladenden Krone der Linde steht, spürt noch etwas von der besonderen Würde dieses Ortes.
Stiegeler Park – verborgenes Gartendenkmal am Bodenseeufer
Fast fühlt man sich an den berühmten Wörlitzer Park erinnert. Drei schlanke Pappeln rahmen den Blick auf die Konstanzer Bucht, eine steinerne Amphore steht zwischen den hohen Bäumen im Rasen. Der Stiegeler-Landschaftsgarten eröffnet sich bis ans Bodenseeufer.
Was wie eine historische Parkanlage wirkt, ist bis heute Privatbesitz. „Für Konstanzer Verhältnisse ist unser Anwesen tatsächlich ein Park“, sagt Alexander Stiegeler mit einem Lächeln. Gemeinsam mit seiner Frau Elisabeth bewahrt er in dritter Generation eines der bedeutendsten privaten Gartendenkmäler am Bodensee.
Von der Kiesgrube zum Uferpark am Bodensee
Wer den Stiegeler Park im Rahmen einer Führung besucht, ahnt kaum, wie ungewöhnlich seine Entstehungsgeschichte ist. Anfang des 20. Jahrhunderts befand sich hier eine ausgebeutete Kiesgrube – eine kahle, verwundete Landschaft direkt am See.
„Mein Großvater, der Unternehmer und Kommerzienrat Wilhelm Stiegeler, kaufte das Gelände und ließ es zunächst wieder auffüllen“, erzählt Alexander Stiegeler. „1923 entstand nach Plänen von Albert Speer senior die Villa, die heute vermietet ist. Gleichzeitig begann man damals mit der Anlage des Landschaftsparks und pflanzte die ersten Bäume.“
Zahlreiche Gehölze im Garten stammen aus dieser ersten Gestaltungsphase. Die beiden markanten Thujen am Haus gehören ebenso dazu wie eine eindrucksvolle Kanadische Schwarzpappel. Dass der Park seit mehr als einem Jahrhundert in Familienbesitz geblieben ist, macht ihn zu einer Besonderheit. Er gilt als einer der letzten in ihrer ursprünglichen Größe erhaltenen privaten Uferparkanlagen des Konstanzer Bodensees.
Natürlich bleibt auch ein historischer Park vom Wandel der Zeit nicht verschont. „Einige alte Bäume haben wir durch Stürme verloren“, berichtet Alexander Stiegeler. „Deshalb pflanzen wir auch nach.“ Nur mit viel Glück konnte eine seltene Atlas-Zeder erhalten werden, deren Krone den Hausherrn besonders erfreut.
Die Hofgärtnerin vom Bodensee
Während sich Alexander Stiegeler vor allem um die Weiterentwicklung des Gartendenkmals kümmert, schlägt das gärtnerische Herz seiner Frau Elisabeth zwischen Staudenbeeten und alten Bäumen. Ihr Mann nennt sie respektvoll die „Hofgärtnerin“.
„Ich gärtnere heute viel naturnäher als früher“, erzählt Elisabeth Stiegeler. „So spritze ich nicht mehr gegen Blattläuse, lasse Totholz liegen und schaffe bewusst Lebensräume für Vögel und Insekten.“ Für dieses Engagement wurde der Park in das Netzwerk „Natur im Garten“ aufgenommen.
Charktervolle Magnolien
Damit das historische Gartendenkmal seinen gepflegten Charakter bewahrt, ist ganzjährig ein Gärtner beschäftigt. Neben den umfangreichen Stauden- und Zwiebelpflanzungen mit Pfingstrosen, Iris und Schneeglöckchen betreut er den Gehölzbestand und manche botanische Rarität.
Vor allem aber lebt der Park von seinen alten Bäumen. Linden und Buchen, markante Koniferen, Zypressen und eine charaktervolle Magnolie verleihen der Anlage ihre ruhige, fast zeitlose Atmosphäre. „Die Magnolie liebe ich besonders“, gesteht die „Hofgärtnerin“, „jedes Frühjahr freue ich mich wieder auf ihre Blüte.“
Arenenberg – Bäume als lebendige Denkmäler
Kaum ein anderer Ort am Bodensee verbindet Geschichte, Gartenkunst und Landschaft so stimmungsvoll wie Schloss Arenenberg. Hoch über dem Untersee, umgeben von Weinbergen und mit spektakulärem Blick über das Wasser, entfaltet sich ein Park, dessen elegante Wegeführung noch immer den Geist des 19. Jahrhunderts atmet. Geschwungene Serpentinen führen vorbei an einer Fontäne, einer Grotte und einem romantischen Zeltpavillon – typische Elemente eines englischen Landschaftsgartens.
Der Park von Louis Napoelon
Hier lebte Louis Napoléon Bonaparte, der spätere französische Kaiser Napoleon III., gemeinsam mit seiner Mutter Hortense de Beauharnais im Schweizer Exil. Der Park wurde in jener Zeit nach den damals modernen Ideen der Landschaftsgartenkunst weiterentwickelt. Auch Anregungen des berühmten Gartenkünstlers Fürst Hermann von Pückler-Muskau flossen in seine Gestaltung ein.
Kaiserliches Schloss im Baum-Park
Bis heute prägen hochgewachsene Bäume das Bild der Schlossanlage. Besonders eindrucksvoll sind die beiden Platanen vor dem ehemaligen Wohnsitz der kaiserlichen Familie, der heute das Napoleonmuseum beherbergt. Mit ihren breiten Kronen verleihen sie dem Anwesen eine fast südfranzösische Atmosphäre.

Vom Garten auf dem Arenenberg geht der Blick durch die Äste alter Bäume auf den Bodensee hinaus. ©DDAVID
„Leider sind die meisten Bäume des einstigen Arboretums im 20. Jahrhundert gefällt worden“, berichtet Museumsdirektor Dominik Gügel. Jahrzehntelang wurde der historische Park nur unzureichend gepflegt. Erst seit der umfassenden Restaurierung ab 2004 gewinnt die Anlage Schritt für Schritt ihre ursprüngliche Gestalt zurück. „Alte Bäume behandeln wir als lebende Denkmäler“, erklärt Gügel, der seit vielen Jahren zur Geschichte von Schloss Arenenberg forscht und publiziert.

Der Direktor vom Napoleonmuseum Dominik Gügel kennt jede Ecke im Park von Schloss Arenenberg. ©DDAVID
Rare Baumarten: Statussymbole des 19. Jahrhunderts
Auf seinem Rundgang führt er vorbei an eindrucksvollen Buchen, Eschen und Eichen. Daneben wachsen eine stattliche Weihrauchzeder und ein Tulpenbaum, im 19. Jahrhundert ein unverzichtbares Statussymbol aristokratischer Parkanlagen.
Faszinierdender Reispapierbaum
Besonders ans Herz gewachsen ist ihm jedoch ein eher ungewöhnlicher Baum: der Reispapierbaum. „Mit seinen riesigen Blättern mutet er fast tropisch an“, sagt Gügel und lächelt um diese Rarität der Botanik.
Charakterbäume einer Kulturlandschaft
Wer den Bodensee auf der Suche nach außergewöhnlichen Bäumen umrundet, entdeckt in dieser Gartenlandschaft weit mehr als botanische Kostbarkeiten. Jeder dieser Bäume erzählt seine eigene Geschichte – von Mönchen und Minnesängern, Großherzögen und Kaisern, von Gartenkunst, Klimawandel und der Geduld vieler Generationen. Vielleicht ist gerade das größte Geschenk alter Bäume: Sie überdauern Menschenleben und machen Landschaften zu Erinnerungsorten. Rund um den Bodensee wachsen sie deshalb nicht nur in Parks und Gärten – sie prägen den Charakter einer ganzen Kulturlandschaft.
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WAS IST NOCH GUT ZU WISSEN?
INFORMATIONEN: Der Park vom Arenenberg ist frei zugänglich. Das besuchenswerte Napoleonmuseum kostet Eintritt. Der Stiegeler Park kann nur im Rahmen einer Führung besucht werden.
Der Klostergarten auf der Reichenau liegt direkt neben dem Münster, das für seine Reliquien bekannt ist.
ÜBERNACHTEN: Wie schön ist es doch, in einem Hotel mit Garten zu übernachten. Manchmal ist es auch gleich ein Park mit historischem Baumbestand. Drei besondere Adressen seien hier empfohlen:
Schloss Wartegg: Das Bio-Boutique-Hotel mit großem baumreichen Schlosspark und eigenem Gemüsegarten liegt in Rorschach auf der Schweizer Seite.
Seegut Zeppelin: Das Design-Hotel mit tollem See- und Berg-Blick und Jahrhunderte alten Bäumen auf dem Gelände befindet sich am Rande von Friedrichshafen.
Hotel Lilienberg: Das Seminar- und Ferienhotel im Schweizer Ermatingen umgibt ein gepflegter Park mit Bäumen aus dem 19. Jahrhundert.
EXTRA-TIPP FÜR GARTEN-NERDS: Noch mehr Gärten zu besichtigen gibt es beim Bodensee-Gartennetzwerk mit seinen zahlreichen Gärten und Parks rund um den Bodensee. Das Netzwerk wurde 2014 gegründet und hat das Ziel, die vielfältige Gartenkultur der Bodenseeregion gemeinsam sichtbar und für Besucher erlebbar zu machen. Dabei stehen sowohl die Geschichte als auch die Gestaltung und Bedeutung der Gärten im Mittelpunkt.
Zum Netzwerk gehören Gärten und Parks in Deutschland, der Schweiz, Österreich und Liechtenstein. Dazu zählen beispielsweise die Insel Mainau, die Insel Reichenau, Schloss Arenenberg, die Kartause Ittingen, Schloss Meersburg und Kloster und Schloss Salem. Im Jahr 2024 gehörten rund 48 Anlagen zum Netzwerk, wobei die Zahl durch neue Mitglieder weiter wächst. Organisiert wird das Netzwerk vom Verein Bodenseegärten.
LITERATUR-TIPP: Der Gartenhistoiker Dominik Gügel ist ein Kenner der historischen Entwicklung der Gartenkultur am Bodensee. Wer die Highlights der Gartenkultur dieses einzigartigen Kulturraums näher kennenlernen möchte, möge zu Gügel Übersichtsband zu den „Bodenseegärten“ greifen.
Domink Gügel, Die schönsten Bodenseegärten und ihre Geschichte. Eine spannende Zeitreise. Silberburg Verlag, 2021, ISBN: 978-3842523487
Die Gästeführerin Monika Küble schreibt auch historische Romane, die am Bodensee spielen. Die Lektüre lässt den Leser die Hintergründe des berühmten Klosterplans von St. Gallen vertiefen.
Monika Küble, Das Geheimnis des Klosterplans: Historischer Roman vom Bodensee, Gmeiner Verlag, 2023. ISBN: 978-3839203323
WEITERE INFOS ZUM REISEORT: Insel Reichenau: www.reichenau-tourismus.de (Webseite des Tourismusbüros), Arenenberg mit Napoleummuseum napoleonmuseum.tg.ch, Stiegeler Park www.stiegeler-park.de, Bodensee Tourismus www.bodensee.eu
©DDAVID – Alle vonREISENundGAERTEN-Fotos unterliegen dem Urheberrecht und dürfen nicht ohne Erlaubnis verwendet werden.

Manche meinen, dieser Blick auf den Bodensee von Schloss Arenenberg gleicht dem auf den Golf von Neapel. ©DDAVID
Lesen Sie auch in vonREISENundGAERTEN die Buchempfehlung des Gartenromans „Der Garten der Harfe“ von Elena Eden, der zugleich ein Gartenreiseführer zu Irland ist. Auf der irischen Insel sind Bäume geradezu heilig.
Lesen Sie auch über die Gärten von Wales in vonREISENundGAERTEN!





































