Eine Reise zu außergewöhnlichen Bäumen
Seit Jahrhunderten wachsen in der Landschaft rund um den Bodensee in einem milden Klima beeindruckende Bäume aus aller Welt. vonREISENundGAERTEN hat dort in historischen Parks, Schlossgärten und Landschaftsanlagen lebende Zeitzeugen entdeckt. Die Baumkronen erzählen Geschichten von Gartenkunst und Pflanzenliebe. Hier geht es auf die Insel Mainau, zur Burkhart-Linde nach Überlingen und zum Arboretum von Schloss Seeburg in Kreuzlingen.
Insel Mainau – Wo Baumtitanen Zukunft haben
Die Motorsäge knattert hoch oben in den Ästen. Unter dem mächtigen Tulpenbaum auf der Insel Mainau liegen bereits einige abgesägte Zweige. Baumkletterer entfernen gezielt abgestorbenes Holz aus der Krone des wohl ältesten Baumes der Blumeninsel. Sein Pflanzjahr ist dokumentiert: 1830.
Vorsorge für die Bäume am Bodensee
„Unsere Bäume werden regelmäßig kontrolliert, damit sie langfristig gesund und verkehrssicher bleiben“, erklärt Markus Zeiler, Gartendirektor der Mainau. Dem gelernten Baumschulgärtner unterstehen rund 80 Mitarbeiter im Garten- und Landschaftsbereich. Dazu gehört nicht nur die etwa 45 Hektar große Insel selbst, sondern auch rund 420 Hektar Wald auf dem Festland.
Baumpflege mit Technik und Knowhow
Moderne Baumpflege geht heute weit über eine Sichtkontrolle hinaus. „Wir setzen unter anderem Schalltomographen ein“, erläutert Zeiler. „Damit können wir feststellen, ob das Holz im Stamm noch ausreichend tragfähig ist.“ Denn diese Messtechnik macht verborgene Fäulnis sichtbar und hilft, wertvolle Altbäume möglichst lange zu erhalten. Allein für die Baumpflege investiert die Mainau jedes Jahr rund 150.000 Euro.

Der Gartendierektor von der Insel Mainau: Markus Zeiler kennt fast jeden Baum auf der Insel… ©DDAVID
Umsorgte Mammutbäume
Nur wenige Schritte entfernt wird einem gewaltigen Mammutbaum eine besondere Behandlung zuteil. Mit Druckluft lockern Fachleute den Boden, bevor Mykorrhiza-Pilze und organischer Dünger eingebracht werden. „Das ist gewissermaßen eine Vitaminspritze für den Baum“, sagt Zeiler. „Unsere Böden sind stellenweise verdichtet und nicht überall ideal. Mit solchen Maßnahmen fördern wir die Vitalität der Gehölze.“
Parkomanie am Bodensee
Dass auf der Mainau heute eine außergewöhnlich vielfältige Baumwelt gedeiht, geht vor allem auf Großherzog Friedrich I. von Baden zurück. Nachdem er die Insel 1853 erworben hatte, ließ er zahlreiche seltene Gehölze aus Europa, Nordamerika und Asien pflanzen und entwickelte seinen persönlichen Rückzugsort zu einem dendrologischen Garten. Viele der damals gesetzten Bäume prägen das Erscheinungsbild der Insel noch heute.
Anlässlich des 200. Geburtstags Friedrichs I. im Jahr 2026 setzt die Mainau dieses Erbe fort. Im Jubiläumsjahr werden 200 neue Bäume gepflanzt – als Zeichen für Klimaanpassung, Artenvielfalt und den langfristigen Erhalt der historischen Gartenanlage.
Blaues Blut auf grüner Insel im Bodensee
Heute führt Björn Graf Bernadotte das Werk seiner Familie fort. Er wuchs selbst auf der Insel auf und sieht die Mainau als Ort, an dem Tradition und Zukunft zusammenfinden. „Mein Vater Lennart Graf Bernadotte hat die Insel zu einem modernen Gartenpark entwickelt. Meine Mutter Sonja Gräfin Bernadotte hat den touristischen Betrieb entscheidend geprägt. Unsere Generation beschäftigt sich nun intensiv mit den Folgen des Klimawandels und der Frage, welche Bäume auch in Zukunft hier wachsen können.“
Mikroklima auf der Mainau im Bodensee
Die Herausforderung auf der Mainau bestünde darin, als botanischer Garten eine reiche Baum-Kollektion zu bieten und gleichzeitig ein Erholungsort zu sein, meint der 1975 geborene Sprössling der Bernadotte-Familie. „Wir möchten zeigen, dass sich Engagement für Natur und Artenvielfalt lohnt.“
Seinen persönlichen Tipp für einen sommerlichen Inselbesuch verrät der Mainau-Chef ebenfalls: „Setzen Sie sich an einem heißen Sommertag einfach auf eine Bank im Schatten unserer alten Baumkronen. Das Mikroklima der Mainau ist erstaunlich angenehm. Lauschen Sie dem Gesang der Vögel. So merkt man, wie wertvoll große Bäume für unser Wohlbefinden sind.“
Die Überlinger Burkhart-Linde
Manchmal scheinen Bäume die Fantasie zu beflügeln. In Überlingen erzählt eine alte Legende, der Minnesänger Burkhart von Hohenfels habe im 13. Jahrhundert gerne im Schatten einer Linde gesessen und dort seine Verse gedichtet. Ob die Geschichte wahr ist, lässt sich nicht mehr klären. Sicher ist jedoch: Hoch über der Stadt steht die nach dem Dichter benannte Burkhart-Linde – ein eindrucksvolles Naturdenkmal mit weitem Blick über den Bodensee.
Die Legende vom Baum-Poeten
„Mit der Legende gibt es allerdings ein kleines Problem“, sagt der ehemalige Überlinger Forstinspektor Rolf Geiger mit einem Schmunzeln. „Der Baum ist nach Expertenschätzung etwa 450 Jahre alt.“ Damit wäre die heutige Sommerlinde für die Geschichte des mittelalterlichen Minnesängers deutlich zu jung.
Doch die genaue Lebensdauer alter Linden lässt sich nur schwer bestimmen. Im Laufe der Jahrhunderte werden ihre Stämme oftmals durch holzzersetzende Pilze im Inneren zunehmend hohl. „Je älter eine Linde, desto hohler“, erklärt Geiger. Trotzdem kann der Baum erstaunlich vital bleiben. Oft übernimmt eine nur noch wenige Zentimeter starke äußere Holzschicht mit dem Kambium den Wasser- und Nährstofftransport.
Gärtner als Baumchirurgen
Auch bei der Burkhart-Linde klafft ein Hohlraum im Stamm. Mehrere starke Äste werden durch ein Seil stabilisiert. Während man früher bei der sogenannten „Baumchirurgie“ starre Stahlseile oder sogar Beton einsetzte, arbeiten Baumpfleger heute mit elastischen Seilen, die den natürlichen Bewegungen der Krone folgen.
Die alte Linde von Überlingen sieht vom Leben gezeichnet aus. Vermutlich weilte Burkhart von Hohenfels einst unter einer Vorgängerin des heutigen Baumes. Darauf deutet eine Höhlung unterhalb des Stammes hin, die im Bereich eines früheren, verrotteten Wurzelstocks entstanden ist. Dann würde die Legende also doch wieder passen…
Hilfe für die Baum-Senioren in Überlingen
Nicht nur das Alter setzt dem Baum zu. Der beliebte Aussichtspunkt oberhalb Überlingens zieht zahlreiche Besucher an. Werden die Wurzeln immer wieder betreten, verdichtet sich der Boden. Regenwasser und Sauerstoff gelangen nur noch eingeschränkt in den Wurzelraum, während sich schädliche Faulgase schlechter verflüchtigen können. Wie viele Kinder aus Überlingen kletterte auch Rolf Geiger als kleiner Junge in der Burkhart-Linde herum und dachte nicht daran, dass das Klettern im Baum immer wieder Verletzungen an Stamm und Ästen verursacht.
Bäume als Nationalerbe
Um die Burkhart-Linde dauerhaft zu erhalten, wurde sie 2024 von der Deutschen Dendrologischen Gesellschaft (DDG) als „Nationalerbe-Baum“ ausgezeichnet. Mit diesem 2019 gestarteten Programm wählt die 1892 gegründete, wissenschaftliche Gesellschaft zur Baum- und Gehölzkunde einhundert besonders alte und kulturgeschichtlich bedeutende Bäume in Deutschland aus, um ihren langfristigen Erhalt zu sichern.
Die notwendigen Pflege- und Sicherungsmaßnahmen werden von der Eva Mayr-Stihl Stiftung finanziell unterstützt. Die Unternehmerin war die Tochter des Gründers des weltweit agierenden Motorsägen-Herstellers Stihl. Dank der Initiative schützen in Überlingen heute ein hölzernes Besucherpodest und eine Einfriedung den empfindlichen Wurzelbereich – damit die ehrwürdige Burkhart-Linde noch viele Generationen überdauern kann.
Uralte Bäume brauchen Fürsorge
Damit Bäume ein biblisches Alter erreichen können, brauchen sie vor allem eines: gute Pflege. „In historischen Parks werden alte Bäume meist regelmäßig kontrolliert und fachgerecht betreut“, sagt Rolf Geiger, der sich sein Leben lang mit Bäumen beschäftigt hat. „Im urbanen Raum geschieht das leider deutlich seltener.“ Besonders Straßenbäume hätten in den vergangenen Jahrzehnten gelitten. „Bei Kanal- und Leitungsbauarbeiten werden ihre Wurzeln häufig brutal beschädigt“, berichtet der ehemalige Überlinger Forstinspektor. Solche Eingriffe blieben oft unsichtbar, verkürzten aber die Lebenserwartung der Bäume erheblich.
Aus seiner langjährigen Berufserfahrung weiß Geiger, wie schwierig es für Kommunen ist, den Schutz der Bäume gegen die vielfältigen Anforderungen des Straßenbaus durchzusetzen. Sein Wunsch wäre ein grundsätzliches Umdenken bei der Stadtplanung. Geigers Wunschtraum: Für Bäume sollte im Untergrund dauerhaft ein geschützter Wurzelraum freigehalten werden, während Versorgungsleitungen in eigenen, verbindlich festgelegten Korridoren verlaufen.

Der ehemalige Überlinger Forstinspektor Rolf Geiger engagiert sich auch im Ruhestand für den Erhalt von Bäumen. ©DDAVID
Traumziel für Baum-Titanen: 1000 Jahre alt
Auffällig ist für Geiger außerdem, dass Deutschland etwa im Vergleich zu England nur wenige uralte Laubbäume besitzt. „Vermutlich gibt es hier keinen Laubbaum, der älter als tausend Jahre ist“, sagt er. Einen wesentlichen Grund sieht er im Umgang mit betagten Bäumen. Aus Sorge vor Haftungsrisiken würden sie häufig stark zurückgeschnitten oder vorschnell gefällt. „Der Sicherheitsgedanke wird in Deutschland oft übertrieben.“
Das Arboretum Seeburg in Kreuzlingen
Wer rund um den Bodensee auf außergewöhnliche Einzelbäume trifft, sollte auch einen Abstecher nach Kreuzlingen unternehmen. Im weitläufigen Park von Schloss Seeburg, unmittelbar an der deutsch-schweizerischen Grenze, wachsen nicht nur beeindruckende Solitärbäume, sondern gleich ein ganzes Arboretum. Seit 1958 gehört die historische Parkanlage der Stadt Kreuzlingen.

Der Park von Schloss Seeburg in Kreuzlingen am Bodensee verfügt über ein vielfältiges Arboretum. ©DDAVID
Das Besondere an dieser Baumsammlung: die Vielfalt. 200 Bäume aus etwa 60 Arten sorgen für eine besondere Biodiversität. Zwischen mächtigen Rot- und Hängebuchen stehen Ginkgos, ein Japanischer Schnurbaum, verschiedene Zedern und gleich fünf Mammutbäume.
Faszination Mammutbaum
„Im 19. Jahrhundert waren Mammutbäume echte Prestigeobjekte“, erklärt Martin Klauser, Landschaftsarchitekt in der dritten Generation. Während sein Blick in die Krone eines 1858 gepflanzten Mammutbaums wandert, ergänzt er: „Wer einen solchen Baum besaß, zeigte damit auch seine internationalen Kontakte – etwa zu den großen botanischen Gärten jener Zeit.“
Allen voran spielte der Royal Botanic Gardens in Kew bei London eine wichtige Rolle. Von dort und über ein weit verzweigtes Netzwerk botanischer Gärten und Baumschulen gelangten zahlreiche neu entdeckte Baumarten aus Nordamerika und Asien nach Europa. Viele Parkbesitzer pflanzten sie voller Begeisterung, ohne zu ahnen, welche Dimensionen sie eines Tages erreichen würden. „Bei Zedern oder Mammutbäumen staunten spätere Generationen nicht schlecht, als daraus 25 oder 30 Meter hohe Baumriesen wurden“, sagt Martin Klauser.
Klimawandel erfordert andere Bäume
Heute haben sich die Ansprüche an Bäume verändert. Gefragt seien Arten, die mit Hitze und längeren Trockenperioden besser zurechtkommen. „Deshalb pflanzt man mancherorts inzwischen auch Steineichen oder sogar Olivenbäume“, beobachtet der Landschaftsarchitekt. Gleichzeitig gehe der Trend eher zu kleineren Baumarten.
Im Seeburger Arboretum verfolgt man jedoch einen anderen Ansatz. Ziel ist es nicht, einen vermeintlich historischen Idealzustand wiederherzustellen. Stattdessen entwickelt sich der Park behutsam weiter – im Rhythmus des natürlichen Wachstums und der gärtnerischen Pflege. So erweist sich das Arboretum von Seeburg als idealer Ort für Liebhaber besonderer Bäume.
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WAS IST NOCH GUT ZU WISSEN?
INFORMATIONEN: Die Blumeninsel im Bodensee kann zu jeder Jahreszeit besucht werden. Für Baum-Liebhaber bietet sich auch der Herbst an, wenn die Blätter sich herrlich färben. Auf der Insel gibt es viel zu sehen. Natürlich das Arboretum, also die historische Baumsammlung, dazu ein Palmenhaus mit einer über 15 Meter hohen Kanarischen Dattelpalme, einen Italienischen Rosengarten, einen Dahliengarten und viele weitere Pflanzenbereiche. Man sollte ausreichend Zeit für die Insel einplanen, mindestens einen halben Tag.
ÜBERNACHTEN: Wie schön ist es doch, in einem Hotel mit Garten zu übernachten. Manchmal ist es auch gleich ein Park mit historischem Baumbestand. Drei schöne Adressen seien hier empfohlen:
Schloss Wartegg: Das Bio-Boutique-Hotel mit großem baumreichen Schlosspark und eigenem Gemüsegarten liegt in Rorschach auf der Schweizer Seite.
Seegut Zeppelin: Das Design-Hotel mit tollem See- und Berg-Blick und Jahrhunderte alten Bäumen auf dem Gelände befindet sich am Rande von Friedrichshafen.
Hotel Lilienberg: Das Seminar- und Ferienhotel im Schweizer Ermatingen umgibt ein gepflegter Park mit Bäumen aus dem 19. Jahrhundert.
EXTRA-TIPP FÜR GARTEN-NERDS: Noch mehr Gärten zu besichtigen gibt es beim Bodensee-Gartennetzwerk mit seinen zahlreichen Gärten und Parks rund um den Bodensee. Das Netzwerk wurde 2014 gegründet und hat das Ziel, die vielfältige Gartenkultur der Bodenseeregion gemeinsam sichtbar und für Besucher erlebbar zu machen. Dabei stehen sowohl die Geschichte als auch die Gestaltung und Bedeutung der Gärten im Mittelpunkt.
Zum Netzwerk gehören Gärten und Parks in Deutschland, der Schweiz, Österreich und Liechtenstein. Dazu zählen beispielsweise die Insel Mainau, die Insel Reichenau, Schloss Arenenberg, die Kartause Ittingen, Schloss Meersburg und Kloster und Schloss Salem. Im Jahr 2024 gehörten rund 48 Anlagen zum Netzwerk, wobei die Zahl durch neue Mitglieder weiter wächst. Organisiert wird das Netzwerk vom Verein Bodenseegärten.
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LITERATUR-TIPP: Der Gartenhistoiker Dominik Gügel ist ein Kenner der historischen Entwicklung der Gartenkultur am Bodensee. Wer den royalen Spuren in den Gärten am See folgen möchte, möge sein kenntinisreiches Buch über die „grünen Fürsten“ lesen.
Domink Gügel, Grüne Fürsten am Bodensee, Silberburg Verlag, 2023, ISBN: 978-3-8425-2408-8
WEITERE INFOS ZUM REISEORT: Insel Mainau: www.mainau.de (Webseite des Tourismusbüros), Schloss Seeburg www.schloss-seeburg.ch
©DDAVID – Alle vonREISENundGAERTEN-Fotos unterliegen dem Urheberrecht und dürfen nicht ohne Erlaubnis verwendet werden.
Lesen Sie auch in vonREISENundGAERTEN die Buchempfehlung des Gartenromans „Der Garten der Harfe“ von Elena Eden, der zugleich ein Gartenreiseführer zu Irland ist. Auf der irischen Insel sind Bäume geradezu heilig.
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